Frankreich im letzten Vierteljahre.
„Die Republik wird entweder konservativ sein, oder sie wird gar nicht sein" — so hat Thiers geweissagt. Der Gang, den die Dinge in Frankreich während der letzten drei Monate genommen haben, läßt uns aber den Geist derjenigen, welche in der Republik den Ton angeben, wenig konservativ erscheinen, und da wir derselben Meinung wie Thiers sind, so erwarten wir ein zwar langsames, aber stetiges Hinuntergleiten der Republik bis zu dem Entwicke- lungspuukte, wo sie, dem der Ruhe und Sicherheit bedürfenden Volle unerträglich geworden, wiederum der Monarchie und zwar zunächst der unbeschränkten oder nur scheinbar beschränkten Monarchie Platz machen wird.
Dieser Ausgang der Dinge wird nicht in unserm Interesse sein; denn so lange Frankreich eine Republik bleibt, so lange hat es keine Aussicht auf Allianzen mit monarchische» Mächten znm Angriff auf Deutschland. Indeß haben wir den Trost, daß der Prozeß, der mit Wiederherstellung der Monarchie endigen wird, langsam vor sich gehen zu wollen scheint, was für uns seine erheblichen Vortheile hat. Wir gewinnen Zeit, weiter zu erstarken, während die Franzosen sich in dem Kampfe der Parteien, der in seinen letzten Stadien mit den Waffen ausgekämpft werden wird, sich schwächen werden. Wir haben ferner, je radikalere Gestalt die Republik in der Zwischenzeit annimmt, um so weniger zu befürchten, daß sie Bundesgenossen gegen uns findet, die uns mit ihr gefährlich sein würden. Wir dürfen endlich, an die Macht denkend, deren Allianz mit einem wieder monarchisch gewordenen Frankreich besonders bedenklich sein würde, nach mancherlei Anzeichen, die wir freilich ebensowenig überschätzen als zu wenig beachten sollten, uns des alten Wortes erinnern: „Interim üt a-luMä."
Die Entwickelung der zum Siege über die Gegenparteien gelangten Republik hat gezeigt, daß die besiegten Parteien zusammen nichts weniger als schwach sind. Namentlich die Bonapartisten haben einen starken Anhang in der Armee; wirkliche Republikaner ferner, Leute von echt republikanischer Denkart und
Grenzbotcn II- 1879. 02