Die russische, englische und französische UottM im Orient.
Die Aufgabe, eine Darstellung der gegenwärtigen politischen Lage im Orient, in allgemeinen Umrissen und unter Ausschließung unbedeutenderer Einzelheiten zu geben, ist keine ganz leichte. Einmal schon deshalb, weil die Situation als keine feste und die sie bestimmenden Tendenzen der Mächte kaum als unveränderliche anzusehen sind. Sodann aber namentlich darum, weil Manches, was an und für sich wichtig und für die Weiterentwickelung der Dinge mitbestimmend ist, sich der näheren Beobachtung entzieht. Selbst die Ziele der russischen Politik, von der man im Allgemeinen annimmt, daß die Initiative sich auf ihrer Seite befinde, und daß sie, eben um deswillen, den Vortheil genieße, das positivste Programm zu besitzen, haben in verschiedenen Augenblicken sichtlichen Schwankungen unterlegen. Im Besonderen kann darüber kaum ein Zweifel bestehen, daß seit Einstellung der Feindseligkeiten die Bestrebungen des St. Petersburger Kabinetes in Betreff des zwischen ihm und der Pforte in Zukunft herzustellenden Verhältnisses sich zwischen zwei Polen bewegten. Der eine derselben wird durch den Gegensatz der türkischen und moskowitischen Interessen, der ein alter und von der Tradition getragener ist, bezeichnet. Der andere dagegen war in der Chance gegeben, die man, namentlich im April 1878, also etwa vor Jahresfrist, zu besitzen meinte, die Türkei in den Kreis der russischen Beeinflussung hineinzuziehen und für die Daner darin fest zu halten. Im Falle des Gelingens dieses letzteren Planes würde sich die politische Machtsphäre des Czarenreiches wie durch einen Zauberschlag erweitert haben, und zwar bis zu den fernsten für sie überhaupt in Aussicht zu nehmenden Grenzen. Das waren russische Hoffnungen, die seitdem, wie es scheint, begraben wurden und nur unter der Voraussetzung, daß ganz besondere Umstünde eintreten, wieder auferstehen könnten. Immerhin haben sie den Eindruck zurückgelassen, daß es für die russische Politik dem osmanischen Reiche gegenüber zwei sehr verschiedene Wege gebe, um zum Ziele zu gelangen: den der direkten und brutalen Gewalt, und einen andern, der
die sich entgegenstellenden Hindernisse zu umgehen sucht. Und worin auch immer Grenzboten II. 1379. 37