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Die Aerzte zu Urgroßvaters Zeit.
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gestützt haben. Alle Zweige der Heilkunde haben durch die innige Verbindung, welche dieselbe mit den Naturwissenschaften eingegangen ist, wesentlich gewonnen. Die Anatomie hat mit Hilfe verbesserter Mikroskope den Bau auch der kleinsten Körpertheilchen in's rechte Licht gestellt. Die Physiologie hat sich an die Er­gebnisse dieser Untersuchungen gemacht und ist mit Benutzung der physikalischen Wissenschaften dahin gelangt, Lebensvorgänge, die man früher mit der oder jener geheimnißvollen Triebkraft zu erklären bemüht war, auf chemische und physikalische Gesetze zurückzuführen. Die Pathologie ist seit allgemeiner Ein­führung der Perkussions- und Auskultationskunst um ein höchst werthvolles Untersuchungsmittel bereichert, das unsern Gesichtskreis erheblich erweitert hat. Die pathologische Anatomie trägt der praktischen Medizin eine Leuchte voran und verspricht über das Wesen der Krankheiten noch bedeutsame Aufschlüsse zu ertheilen. Chirurgie und Geburtshilfe sind durch verbesserte Methoden und Instrumente, sowie durch geläuterte Anschauungen von den Erkrcmkungs - und Heilnngsprozessen auf eiue Höhe gebracht worden, die man vor Beginn unseres Jahrhunderts, ganz zu schweigen von früherer Zeit, kaum geahnt hat. Die Spezialfächer der Medizin, wie Augen- und Ohrenheilkunde, haben sich gleich­falls an diesen mächtigen Fortschritten betheiligt. Von der inneren Medizin gilt Aehnliches: sie baut nicht mehr nosologische Systeme auf, huldigt aber um so eifriger einer gründlichen und allseitigen Untersuchung der Kranken. Am wenigsten befriedigt noch der Zustand der Therapie innerer Krankheiten, wo noch allen Richtungen, selbst den sich geradezu widersprechenden, gehuldigt wird, und ohne festes Prinzip sowie ohne genügende Unterlagen aus der Erfahrung die allerverschiedensten Hebel zur Beseitigung körperlicher Uebel angesetzt werden. Indeß ist, wenn wir den Gang in's Auge fassen, den die medizinische Theorie und Praxis als Ganzes in unserer Zeit eingeschlagen haben, auch nach dieser Seite hin Gutes zu hoffen und mit Sicherheit zu erwarten, die Wissenschaft vom Leben und die Kunst, es zu vertheidigen und zn verlängern, werde in ihren Leistungen von Jahr zu Jahr mehr den Anforderungen entsprechen, die wir an sie zn stellen berechtigt sind.

Wie es hiermit sowie mit den übrigen Disziplinen der Heilkunde znr Zeit, wo unsere Urgroßväter geboren wurden, also etwa um die Mitte des vorigen Jahrhunderts und in den unmittelbar vorhergehenden Dezennien stand, soll im Folgenden an einigen Beispielen gezeigt werden.

Das Mittelalter hatte sich in der Medizin, soweit es sie wissenschaftlich zu treiben bemüht war, fast ausnahmslos an die Araber gehalten, die ihrer­seits sich sklavisch an das Dogmengebäude Galen's anlehnten und es nur mit dialektischen Spitzfindigkeiten ausbauten, welche man damals höher schätzte als alle Beobachtung. Daneben hatte die hauptsächlich von Mönchen nnd Nonnen