- 185 —
Aus dem Wanderleben eines deutschen Studenten im sechzehnten Jahrhundert.
Seitdem Gustav Freytag in seinen „Bildern aus der deutschen Vergangenheit" gezeigt hat, welche Fülle kulturgeschichtlichen Materials in den von ihm in ausgiebigerem Maße zuerst benutzten Hauschroniken, Reisetagebüchern, Briefen und Selbstbiographieen des sechzehnten und der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts verborgen liegt, hat es sich die deutsche Forschung angelegen sein lassen, immer mehr von jenen interessanten Dokumenten aus dem Staube der Archive und Bibliotheken an das Tageslicht zu ziehen. Es gehören hierher, außer den schon länger bekannten Selbstbiographieen des Gvtz von Berlichingen, des Sebastian Schärtlin, des Hans v. Schweinichen, insbesondere die Auto- biographieen des Johannes Butzbach (1526), der Thomas und Felix Platter (1518 und 1557),*) des Bartholomeus Sastrow (1540), die Reisetagebücher des Pellicanus (1516), Albrecht Dürer's (1521), des Ulrich Schmiedl (1534), des Hans Ulrich Kraft (1573), des Samuel Kiechel (1585), des Ritters Breu- ning (1579), des Grafen von Waldeck (1548), des Herzogs Friedrich von Wirtemberg l1592,, des Benediktiners Reginbald Möhner (1651), die Briefsammlungen Dürer's, die Zimmern'sche Chronik u. v. a. In diese Kategorie gehört auch die Selbstbiographie des Augsburger Juristen Lucas Geizkofler.^) In schlichter, schmuckloser Weise erzählt uns der Verfasser sein reichbewegtes, von den mannichfachsten Eindrücken erfaßtes Leben. Den Hauptinhalt des Buches bildet die Schilderung seiner Jugend, seiner Lehr- und Wanderjahre. Ohne kunstvolle Gruppirung, in losem Zusammenhang führt er uns hier seine eigenen Erlebnisse vor, herab bis zu den kleinsten Unfällen. Die Urtheile, die er ausspricht, sind hänfig einseitig, die Anekdoten, die er erzählt, gewiß vielfach zweifelhaft, aber überall zeigt er ein warmes Herz, einen edlen Sinn, einen offenen und feinen Blick. Seine Schrift stellt uns zugleich mitten hinein in das sechzehnte Jahrhundert, denn der Verfasser berichtet auch über die Reformationsversuche in Italien, über die Anfänge des Protestantismus in Tyrol, über die Pariser Bluthochzeit, über die Universitäten von Straßburg uud Paris, über den Welthandel des Fugger'schen Hauses und über eine Menge von Personen, mit denen er im Verkehr gestanden. Leider bricht die Erzählung mit der Verheirathung und dauernden Niederlassung Geizkofler's in Augsburg
*) Vor kurzem in neuer, korrekter und schön ausgestatteter Ausgabe von H. Boos herausgegeben (Leipzig, Hirzel, 1378).
**) Lucas Geizkofler und seine Selbstbiographie. 1660 — 1620. Herausgegeben von Adam Wolf. Wien, Braumüller.