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Die Berliner Theater.
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berühmten Gästen zu nehmen, welche das Haus zeitweilig füllten, aber den Löwenantheil der Einnahme in der Regel mit nach Hause führten und im Uebrigen nnr dazu beitrugen, den Abstand zwischen sich und dem heimischen Personal dem Publikum auffällig fühlbar zu machen und dadurch die beschei­denen heimischen Kräfte gründlich zu diskreditiren. Nach dem Ruin zweier Direktionen versucht jetzt eine dritte ihr Heil mit diesem gründlich verfahrenen Thespiskarren. Der gegenwärtige Leiter, ein alerter Geschäftsmann, hat wenig­stens den Vorzug, daß er in den trostlosesten Situationen den Kopf oben be­hält. Er wird von einem Optimismus beseelt, der ihn selbst darüber hinweg sehen läßt, daß gegenwärtig in seinem Theater die dramatische Kunst von der hoffnungslosesten Gesellschaft von Anfängern, neben denen allerdings auch einige verdiente Theaterveteranen zu wirken verurtheilt sind, vertreten wird. Im Grunde genommen dient diese Gesellschaft auch nur den Gästen als Folie. Der Direktor des Stadttheaters hat es nämlich zn Wege gebracht, daß das Gastiren einzelner Schauspieler und Schauspielerinnen zu einem überwundenen Standpunkt geworden ist. Seiner glühenden Beredtsamkeit und seinem hosf- nungsfreudigen Optimismus gelingt es stets, eine kleine Schaar von zug­kräftigen Gästen zu bewegen, sich seinem lecken Fahrzeuge für eine kurze Fahrt anzuvertrauen. Heute gastirt der Direktor des Wallnertheaters mit einem Theile seines gerade unbeschäftigten Personals in einem derben Schwanke, morgen seine erste Soubrette in einer alten Lokalposse, übermorgen ein beliebter Bonvivant in einer feinen französischen Komödie und am vierten Tage eine anderswo verkannte Tragödin als Medea oder Judith. Kann man sich eine hübschere Mnsterkarte wünschen? Ist der Direktor aber einmal gezwungen, mit seinem eigenen Personale zu operiren, so muß er zu Novitäten greifen, denen eine ganz besondere Anziehungskraft innewohnt. Da bleibt ihm aber keine große Auswahl. Da die deutsche Bühnenliteratur momentan nur über fünf bis sechs produktive Talente verfügt, welche kontraktlich an gewisse Bühnen gebunden sind es werden ja förmliche Kontrakte auf jährliche Lieferungen abgeschlossen', so bleibt dem Beklagenswerthen nur der eine Ausweg, sein Heil bei der französischen Literatur zu suchen. Die englische Bnhnenproduktion kommt, nebenbei bemerkt, nicht in Betracht, da sie sich un­gefähr auf dem Niveau unserer Zirkuspantomimen bewegt, nur mit dem Unter­schiede, daß die Laune des Zuschauers noch durch einen begleitenden Text verdorben wird. Die französische Bühnenliteratur ist aber bei uns ein sehr gesuchter Artikel, der überdies von zwei oder drei Theateragenten vollkommen monopolartig ausgebeutet wird. Der eine exploitirt die Stücke von Dumas und Sardou, der andere die Dramen von Angier, der dritte die Schwänke von Hennequin, und da das Residenztheater, von dem später die Rede sein wird,