Ueber einige Mängel an unseren Parlamenten.
i.
Vor ungefähr einem Jahre, als auch das Verhältniß der Nationalliberalen zum Reichskanzler sich unfreundlich gestaltet hatte, brachte ein südwestdeutsches Blatt einen Artikel, in welchem „ein nationalliberaler Parteigenosse" für den Fürsten Bismarck Partei ergriff, und den wir uns als eine merkwürdig unverblümte Aeußerung der Stimmung, die damals weite Kreise beherrschte, aufhoben.
Es hieß da ungefähr, unser Volk sei erfüllt von den außerordentlichen Verdiensten des Fürsten, es wisse, daß wir ohne ihn vielleicht in Jahrhunderten nicht zu der Einheit, Macht und Größe gekommen wären, deren wir uns jetzt erfreuten. Anders der Reichstag, in welchem wir statt entgegenkommendem Vertrauen zu dem überlegenen Urtheile des Kanzlers einer „sich breitmachenden nörgelnden Advokaten- und Professorenweisheit" begegneten.
„Wir achten," so fuhr der Verfasser fort, „den Stand der Professoren und Advokaten; aber daß der Lehrende, auf desfen Wort der Schüler schwören muß, leicht den Unfehlbarkeitsdünkel annimmt, und daß die Rechtsanwaltschaft> die immer eine Partei einseitig zu vertreten hat, zur Rechthaberei und Besserwisserei werden kann, lehrt die Erfahrung. Das sind nnn leider die Typen unserer parlamentarischen Beredtsamkeit, die, statt unsere Geschäfte vernünftig zu führen, aus den kleinlichsten Streitigkeiten mit dem Reichskanzler nicht herauskommen. Dabei vergessen viele Parlamentsherren, denen weise Selbstbe- schrünkung und nüchternes Erfassen der Sachlage meist abgeht, daß es außer ihnen noch andere Mächte gibt, die ein Wort im Staate mitreden. Sie meinen nach ihren Aeußerungen, sie trügen wie ein Atlas den Erdball auf ihren Schultern, bis sie durch das oder jenes kleine Vorkommniß daran erinnert werden, daß ihre mit Pathos und Selbstgefühl vorgetragene Meinung den Thatsachen nicht entspricht. Man hat von der französischen Akademie gesagt: ,Wenn man zu viel geistreiche Leute an einem Orte versammelt, so werden
Greuzbvten I. 1879, 27