— 495 —
bekanntlich zuletzt, als drei Wochen einer doch sicherlich qualvollen Ungewi^eit verstrichen waren, man werde sie heimlich hinrichten lassen. Sie schrieb an Elisabeth einen Brief, in welchem sie auf eine öffentliche Hinrichtung drang. Elisabeth hat denselben nie beantwortet. Der Tod Maria Stuart's rief in Schottland durchaus keine allgemeine Entrüstung hervor, wie oft behauptet worden ist. Jakob VI. hatte den Geistlichen befohlen, für seine Mutter öffentlich beten zu lassen. Sie wiesen es zurück, da dieses indirekt Elisabeth's Verfahren verurtheilen und Maria's Unschuld anerkennen hieße. Der König ließ darauf durch den Erzbischof Adamson das Gebet in der St. Giles-Kirche verrichten und erschien selbst bei dem Akte. Er fand indessen, von den Gegnern seiner Mutter herbeigerufen, bereits eineu anderen Geistlichen, John Cowper, in der Kirche vor, dem er befahl, dem Bischöfe seinen Platz zu geben, was dieser unwillig that. Er brach in die Worte aus: „Der König werde sich einst dafür vor dem großen Richter zu verantworten haben."
Jakob's Befehl an die Geistlichen ging auch nur dahin, sie möchten Gott bitten, daß er seine Mutter erleuchte, und daß die Sentenz nicht an ihr vollstreckt werde.
Einige „rasraw'gs ok tlis sstg-tss" — Parlamentsmitglieder waren es nicht — hielten dann ein Meeting ab, um auf die schottischen Gesandten eine Impression auszuüben. Dies war jedoch die einzige Bewegung zu Gnnsten Maria Stuart's. Nach dem Tode der Königin wandte sich der allgemeine Haß auch nur gegen Gray, weil man ihm vorwarf, er habe die Hinrichtung eher gefördert als hintertrieben.
Sozialpolitische Literatm.
In den letzten oder genauer gesprochen: in dem letzten Jahre ist auf dem sozialpolitischen Büchermärkte eine Überschwemmung eingetreten, von welcher sich der Laie nur schwer einen Begriff wird machen können. Täglich, und fast wäre man versucht, zu sagen: stündlich erblickt irgend eine Veröffentlichung das Licht der Welt, welche sich rühmt, ein Beitrag znr Lösung der sozialen Frage zu sein. Vom dickleibigen Folianten bis zum fliegenden Hefte von wenigen Bogen oder selbst Blättern sind in dieser Sintflut alle Formen der literarischen Arbeit vertreten; der geistig-sittliche Inhalt dieses ungeheuren Tohu Wabohu weist alle Grade und Schattirungen von Ehrlichkeit und Unehrlich- keit, von Verstand und Unverstand, von Kopf- und von Handwerk auf. Und