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allmächtigen Gott, der nur zum Schein leidet. Dadurch werden alle Verhältnisse, in denen wir ihm begegnen, verschroben, unnatürlich und unfähig, Mitleid zn erregen.
Wenn Maria ausruft: „Weun sein gnädiges Antlitz anf seine Mutter noch einmal würdigt herabzulücheln, so will ich zitternd es wagen, zn seinen göttlichen Füßen — es hat ja beguadigt Magdalena zu seinen Füßen geweint! — da will ich es wagen, zitternd mich niederzuwerfen" u. s. w.: — so empfindet mau das als eine Beeinträchtigung der Mutterwürde. Mutter bleibt Mutter! einerlei, wie sie das Kind empfangen hat. Um wieviel menschlicher ist die Madonna der katholischen Kirche! Die Verletzung des Naturgesetzes rächt sich auch ästhetisch.
Noch schlimmer wird es, wenn das Leiden des Gottmenschen geschildert werden soll. Der Allmächtige, der mit seinem Wink Legionen von Engeln gebietet, kann nicht jammernd ausrufm: „ist es möglich, so gehe dieser Kelch vorüber." Er sieht die zahllose Dienerschaft, seines Winks gewärtig, und doch rnft er aus: „mein Gott, warum hast du mich verlassen!" — Ist das wohl denkbar? In der Dogmatik kann man dem grübelnden Verstand allerlei aufbürden, aber die Sinne trügen nicht, und keiner Lyrik wird es gelingen der Anschauung hölzernes Eisen weiszumachen. — Wie können wir Theilnahme und Mitleid einem Helden schenken, der nur zum Schein leidet! Nur mit äußerster Mühe kaun er seine Allmacht verstecken. Als man ihn fängt „mit göttlicher Ruh', als wenn er dem Wnrm zu sterbe», oder dem kommenden Meer, vor ihm zu schweigen geböte, sprach er zur Schaar: Ich biu's! — Sie ergriff des Sohnes Allmacht, und sie sanken betäubt von seiner Stimme darnieder." — Und bei seinem Verhör: „alle Hoheit, sogar die Hoheit des sterblichen Weisen legte er ab, und war nur ruhig, als säh' er den Abfall einer Quelle vor sich und dächte nur sanfte Gedanke nach erhabner» an Gott, die Augenblicke zn ruhen. Wenige leise Züge nur behielt er vou seinem göttlichen Ernst: doch konnte sie kein Engel haben; allein auch nur ein Engel vermochte dieser Göttlichkeit Mienen und ihren Geist zu bemerken." — Was ist das alles für eine Komödie! — Wenn in die kleinste Bewegung etwas Bedeutendes gelegt werden soll, so macht auch die größte keinen Eindruck mehr.
Da auf Erden nicht viel vorgeht, so hat der Dichter den Haupttheil seiner Geschichte in den Himmel und die Hölle verlegt. Die Thatsache des Opfers ist nur die Erfüllung eines großen Plans der Gottheit; dieser Plan ist der Mittelpunkt des Gedichts, er soll in seinem ganzen mystischen Gehalt empfunden werden. Da dieser Plan der Erlösung dem gewöhnlichen Verstand nicht zugänglich ist, so konute hier der dichterische Seher das religiöse Gefühl wirklich bereichern.