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bei unsern Primanern und Sekundanern geltend zu machen im Begriff steht, ist vorstehend genanntes Büchlein eine doppelt willkommene Erscheinung. Es ist nur zu verwundern, daß nicht schon früher ernstere Schritte gethan worden sind, namentlich von Pädagogen, in der langen Kette der Erziehungstechuik dieses mangelnde Glied zu ergänzen und damit die Gefahren für die gute Sitte unserer Jugend zu bannen. Denn die Versuche, die von Niese, Hille, Curth U.A. gemacht worden sind, genügen, ganz abgesehen von den formalen, namentlich textualen Mängeln, mit denen die gegenwärtige literarische Arbeit an dem Liede behastet ist, auch in materialer Beziehung nicht, um das Bedürfniß und die Ansprüche zu befriedige::, welche die sommerlichen Turn- und Ausfahrten, gemeinsame Spaziergäuge, ja auch gesellige Vereinigungen an die kehlenfrische, liederlustige Jugend stellen. Bisher war die Tradition, und meistens eine höchst einseitige uud beschränkte Tradition, die Lehrmeistern:, deren Joch auf der einen oder andern Schule lag, und höchstens zum Liede: „Nnr immer langsam voran" lieferte der eine oder andre Pfiffikus in Prima oder Sekunda schätzens- und nachsingenswerthe Beiträge. Wo dieser sinnerfreuende Gott eine Stätte nnd Pflege findet, da wird's mit der Macht der Tradition und allem Griesgram zweifellos vorüber sei::. — Da haben wir aus 204 Oktavseite:: 275 fast ausschließlich lustige Lieder, unter ihnen wahre Blüthen echten Humors und lachenden Blödsinns*». Wanderlieder, denen der leichte Anfing des Ernstes den sie verrathen, recht gut zu Gesichte steht, leiten die Sammlung ein**), und das Schlußlied von Hans Leo Haßler, die herrliche Weise ans Maria, geht zum guten Schlüsse in seiner Endstrophe: „Gott woll's vor Leid bewahren durch sein göttliche Macht." gleichfalls in ernsten Akkorden. Aber zwischen diesem Beschlusse des „Antiken und Altdeutschen" (xx. 189—204), welchem Pindars erste pythische Ode („Lh^o^« ^o^t»-/5, '-^^^oi^o? x«t öo?r>!,oz««- ^cov o^v^Ao^ Mo»<5c> x^cr^ov") in Originaltext und -Melodie, Dionhsios- hymnus auf Kalliopa und Latos Sohn l„'^et<5s, ^o5<5« ^vt ^o>i.?r^? <56^5 x«r«^ov."), der sophokleische Chor auf das roßprangende, epheuwuchernde Kolonos und altdeutsche Lieder vom 14.—16. Jahrhundert angehören, und dem „frohen Wandersmann" Mendelssohn's, welche Fülle frischester und doch harmlosester Ungebundenheit! Von der Straße, vom Felde, aus der Werkstatt, aus allen Schichten des singenden Volkes, von der Schulbank und aus den bestäubten Wälzern der Bibliothek sind die frohen Weisen gesammelt, die lustigen Wandervögel eingefangen und hinter die wohlgefügten Gitter des Notensystems zu Nutz und Frommen von männiglich auf dauernde Zeiten festgesetzt. Dem
*) Allerdings auch solche höchsten Blödsinns. **) Fast ganz fehlt das patriotische Lied.
P. Red. D, Red.