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Dom preußischen Landtage.
Berlin, 13. Jmnuiv.
Wie hat sich das Gesicht unserer inneren Lage verändert, seitdem das Abgeordnetenhans seine Weihnachtsserien begann! Von den tausend Gerüchten, welche in den jüngsten Wochen die Lnst dnrchschwirrten, hat sich freilich das Meiste alsbald wieder verflüchtigt; immerhin ist als Residuum ein bedeutsamer Umschwung der Stimmung geblieben. Was in den letzten Monaten des vergangenen Jahres' die Gemüther mit schwerer Besorgniß erfüllte und alle Schaffenskraft lahmte, war die gänzliche Ungewißheit darüber, wann und wie die uuser öffeutliches Leben seit dem Fühjahr beherrschende Krise zum Abschluß gelaugen werde. Heute ist diese Ungewißheit zwar noch nicht gehoben, aber es hat sich wenigstens eine Aussicht eröffnet, daß sie demnächst schwinden werde. Die Dinge sind Fluß — das ist das tröstliche Fazit, zu welchem eine aufmerksame Betrachtung der jüngsten Zeit gelangt. Freilich auch nichts mehr, als dies.
Die Sensntionsgerüchte, welche Bennigsens Reise nach Varzin im Gefolge gehabt, sind nach zwei Richtungen hin über das Maaß des Wahrscheinlichen weit hinausgegangen. Anfangs überraschte man die Welt nicht allein mit den geringsten Details eiues zwischen dem Kanzler uud dem Führer der Nationalliberalen angeblich vereinbarten Programmes, sondern auch mit vollständig fertigen Ministerlisten; später kehrte man den Spieß um und ließ die Verhandlungen, wenn nicht endgültig gescheitert, so wenigstens vorläufig abgebrochen fein. Weder das Eine noch das Andere war irgendwie begründet. Die Grundzüge des Programmes, um desseu Durchführung es sich in Zukunft handeln würde, sind freilich unschwer zn errathen; aber gerade weil dem so ist, weil Jeder die ungeheure Tragweite dieses Programms, die außerordentliche Wichtigkeit feiner einzelnen Punkte abzuschätzen' vermag, sollte man anch erwarten, daß allgemein anerkannt würde, wie eine zweitägige Konferenz schwerlich sofort zn bestimmten bindenden Abmachungen habe "führen können. Geht man von dieser Erkenntniß aus, so entfallen damit zugleich nicht allem die Behauptungen von einem Scheitern oder einem Abbruch der Verhandlungen — denn allein anf den Mangel ostensibler positiver Ergebnisse waren dieselben begründet —, sondern auch die Nachrichten von angeblichen Debatten und Abstimmungen der natioualliberalen Fraktion des Abgeordnetenhauses über eine Anzahl von Pnnkten, welche dem Fürsten Bismarck gewissermaßen als Bedingungen der Partei vorzulegen seien. Der Fraktion ist in ihrer Sitzung vom 8. Januar über die Varziner Besprechungen lediglich Bericht erstattet worden, und aus einem daran angeknüpften Meinungsaustausche hat sich eine allgemeine und vollständige Uebereinstimmuug betreffs der in der gegenwärtigen kritischen Lage von der uationalliberalen Partei zn beobachtenden Haltung herausgestellt. Im Uebrigen war die Sitzung eine streng vertrauliche, was Jeder, der bedenkt, daß die ganze Angelegenheit sich noch im Stadium der Vorbesprechung befindet, durchaus gerechtfertigt finden wird.
Wie gesagt indeß: um was es sich im Grunde handelt, läßt sich auch ohne vorherige Lüftung des Schleiers feststellen, nämlich um eiue festere und praktischere Organisation der Ceutralverwaltnng des Reichs und um gewisse unerläßliche Reformen, bezw. um die Herstellung einer diese Organisation und diese Reformen unterstützenden zuverlässigen parlamentarischen Majorität. Wie sich Fürst Bismarck jeue Organisation denkt, ist aus seinen gelegentlichen Andeutungen hinlänglich zu entnehmen. In den Debatten über die öfter angeregte