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Reichstag, welche im Jahre 1871 noch 12 Mitglieder aus Württemberg zählte, heute thatsächlich uur noch einen einzigen Württemberger in ihren Reihen hat, so ist daran nicht am wenigsten die arge Täuschung schuld, in welche sich gewisse Mitglieder des linken Flügels dieser Partei durch die den Persönlichkeiten Rechnung tragenden Schmeicheleien von Stuttgarter Diplomaten über die wirkliche Sachlage versetzen ließen.
Wir beginnen heute damit zu konstatiren, daß sich dermalen das ganze öffentliche Leben in Württemberg in einem Zustande innerer Auflösung befindet, für welchen wir vergebens in einem der andern deutschen Staaten nach einem Analogon suchen. Die Parteigegensätze, welche in Bayern und Baden trotz ihrer Schroffheit ein reges politisches Leben nie gehindert haben, sind in Württemberg mehr und mehr von der Oberfläche des politischen Lebens verdrängt. Die. Volkspartei, die ultramontane, und die nationalliberale Partei sind thatsächlich vom Schauplatz verschwunden und zu Atomen ausgelöst unter dem alles beherrschenden Einfluß der Regierung. Der Ultramontane, der Volksparteiler und der Maun der „deutschen Partei" glauben, ohne ihren Grundsätzen (?) etwas zu vergeben, neben einander in der Regierungspartei sich zusammen finden zu können; sie alle haben sich um die Wette zur Aufnahme beworben, und da die Devise der Regierung nur lautet: „unbedingte Hingebung an das Gouvernement, Friede um jeden Preis, Aufgeben jedes Parteiprinzips", den Aufgenommenen aber Vortheile aller Art winken, so darf man sich nicht wundern, wenn die Partei der Charakterschwachen so groß geworden ist, daß für den Augenblick alle bisherigen Parteien im Lande an dieser einen Partei zu Grunde gegangen sind. Unter solchen Verhältnissen, da die ehrlichen und unabhängigen Politiker dem öffentlichen Leben mehr und mehr den Rücken kehren und einer Schacir ehrgeiziger Streber aus dem Beamtenthum die Bühue überlasseu, muß der Weizen der Sozialdemokratie blühen; denn unter allen Parteien im Lande ist sie allen ihren Prinzipien unverrückt treu geblieben, während bei den andern angesichts der Kompromisse zwischen den Ultramontanen und Demokraten einerseits und zwischen der „deutschen" Partei und den Pietisten und Neukvnservativen andererseits von politischen Grundsätzen nachgerade gar nicht mehr gesprochen werden kann. Die sozialdemokratische Partei steht auch in Württemberg, trotz ihrer großen Erfolge neuesten Datums, wohl erst im Beginn ihres Siegeslaufs, denn wie wir zeigen werden, ist der Boden für fie nirgends so günstig, wie hier. Die Ursachen dieser politischen Auflösung liegen sehr nahe.
Die schwerste Krankheit, an welcher wir seit Jahren leiden, ist unzweifelhaft das, in Württemberg allein bis zur letzten Konsequenz durchgeführte allgemeine Stimmrecht. Als neulich die sächsische Stände-