Lardenberg's Denkwürdigkeiten.
Die Katastrophe des preußischen Staates im Herbst des Jahres 1806 und die sie begleitenden Umstände und Ereignisse, welche innerlich und äußerlich die Zersetzung und Auslösung des Staates herbeizuführen schienen, haben damals eine Flnth von Schriften ins Leben gerufen, welche das Ungeheuere und Ueberraschende des Unglücksschlages erklären nud begreiflich machen wollten. Bald wurden die einzelne«: leitenden Persönlichkeiten des letzten Jahrzehntes als die schuldigen Urheber für das über Preußen hereingebrochene Unheil verantwortlich gemacht. Bald wurde aus den Einrichtungen der Verwaltung und des Heerwesens die Erklärung des zunächst unerklärlich scheiueudeu Ereignisses gesucht, in einer Weise, die das bisher der Bewunderung Europas dargebotene Mnsterbild des preußischen Staates aller seiner Vorzüge und glänzenden Eigenschaften entkleidete. Bald wnrden nebeneinander die beiden Gedankenreihen vorgetragen. Durch diese gauze Literatur zieht sich ein System von Anklagen und Beschuldigungen gegen die Staatsmänner hindurch, welche den preußischen ' Staat im Jahre 1806 geleitet, und ebeuso gegen die Generale, die das preußische Heer im Kriege 1806 und 1807 befehligt hatten.
Ganz sicher ist ein beträchtlicher Theil der damals laut gewordenen Anklagen und Vorwürfe wohl begründet und wird von jedem ehrlichen und gewissenhaften Geschichtschreiber jener Tage wiederholt werden müssen. Ebenso sicher ist es aber, daß manches ihn ihuen übertrieben und entstellt, manches geradezu erfunden und erlogen ist. Ein gerechtes Urtheil über alle die hierdurch angeregten Fragen zu spreche,: wird erst möglich, wenn jeder Fall im einzelnen eingehend geprüft und abgewogeu worden ist. Man muß es bedauern, daß diese gleich-
*) Denkwürdigkeiten des Staatskanzlers Fürsten von Hardenberg. Herausgegeben von
Leovold von Ranke. 4 Bände. Leipzig, Verlag von Duncker und Humblot 1^77. («0 Mark.)
Grenzboten IV. 1377. 1