Beitrag 
München vor hundert Jahren. I.
Seite
340
Einzelbild herunterladen
 

340

München vor hundert Zaljren.

Von C, A. Regnet, I.

Wer heute die Maximiliansstraße hinabgeht vder die endlos gestreckten Straßenzeilen der Vorstädte Münchens am linken Jsarnfer entlang schreitet, nachdem er die schöne Hauptstadt des schönen Vaterlandes vielleicht seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr gesehen, vder wer die Stätten seiner Kinderspiele wieder aufsucht, der glaubt, in einer fremden Stadt zn sein, so vieles Fremde tritt ihm aller Orten entgegen; und fluchtet er nach dem Mittelpunkte der Stadt, um dort liebe alte Erinnerungen zu Pflegen, so findet er auch hier der Neuerungen so viele, daß er sein altes München kaum mehr erkeuut.

Und wie erstaunten Blickes würde ein Müucheuer von 1777 um sich schauen, wenn es ihm vergönnt wäre, ans demunbekannten Land" zu seiner alten Heimstätte zurückzukehren. Aber währendaus deß Gebiet kein Wanderer wiederkehrt", ist es nns Lebenden gestattet, vor unseren Angen die alte Resi­denzstadt des gütigen Kurfürsten wieder aufzubauen, wie .jener sie geschant, und ihre Straßen mit denselben Menschen zu bevölkern, die sie damals durch­wanderten.

Die Erscheinung, welche München vor hundert Jahren und länger noch nach außen bot, verdankte es den Schweden. Kurfürst Maximilian hatte es nämlich 1619 nothwendig gefunden, die Stadt wider die Angriffe der pro­testantischen Fürsten zu befestigen, und man hatte damit schon im nächsten Jahre begonnen; die Hauptarbeiten aber fallen in die Jahre 1638 bis 1645, also in die Zeit des unlieben Besuches der Schweden in deutschen Landen. In dieser Zeit dürfte namentlich die äußere Stadtmauer entstanden sein, hinter welcher der Zwinger lag. Die Thore wurden mit in mehreren Winkeln ange­legten Zugängen versehen, und außerhalb der Wälle hob man einen tiefen Graben aus.

Erst im Jahre 1791 kam der Gedanke, daß die dicht am hohen und sie völlig beherrschenden Stromufer liegende Hauptstadt nicht länger eine fortist- katorische Bedeutung habeu könne, zu praktischer Geltung: Kurfürst Karl Theodor dekretirte, München habe aufgehört eine Festung zn sein. Aber natürlich wurden auch da nicht mit einem Male die Wälle nieder- nnd die Gräben trocken gelegt und ausgefüllt. Dicht vor den Thoren aber lagen noch bis ins 19. Jahrhundert herein fette Krautgärten mit Getreidefeldern ab­wechselnd, zwischen denen sich vereinzelte Gehöfte und Landhäuser erhoben.