Aer böse Ilick.
Unter den zahlreichen Volksmeinungen und Volksbräuchen, in welchen die Weltanschauung vergangener Zeiten neben der modernen Bildnng fortlebt, gehören die, welche die Vorstellung von der Möglichkeit einer Bezauberung durch d«s menschliche Auge zur Voraussetzung haben, zu deu verbreiterten und interessantesten. Wir finden ihre Wnrzeln in den ältesten Urkunden unseres Geschlechts, und wir begegnen ihnen selbst in wenig von einander verschiedenen Gestalten unter allen Völkern Europas uud Westasiens, gleichviel, ob dieselben der arischen oder der senntischen Raee angehören. Hier wie dort glaubt man ^nächst, daß der Neid über das Glück eines Andern im Stande ist, nachteilig ans dessen Person oder auf die Sache einzuwirken, um die er beneidet wird, und daß es vorzüglich der Blick ist, welcher die verderbliche Kraft des Neides auf den Gegenstand desselben hinzuleiten pflegt. Daneben begegnen wir der Meiuung, daß der Blick bestimmter eiuzeluer Menschen auch ohne deren Zuthuu, ohne daß er'mit Mißgunst erfüllt ist, als schadenbringender Zauber wirken köune. Drittens endlich ist in noch weiteren Kreisen als diese 'lnsicht die Vorstellung verbreitet, daß gerade das Gegentheil des Neides, lebhaftes, unbefangnes Wohlgefallen, starke uud aufrichtige Bewunderung in Ausrufungen oder auch nur durch leuchtende Augen ausgedrückt, dem gepriesenen, "ugestcmnten Gegenstande auf geheimnißvolle Weise Unglück bringe.
Die zuletzt erwähnte Forin dieses Aberglanbens hängt in ihrem letzten Grunde mit der alten Furcht vor dem Neide der Götter zusammen, und die VvrstMlng von neidischen Göttern ist wiederum eine finstere Ueberlieferung aus den Tagen des Aufdämmerns der Religion überhaupt. Geläutert und verklärt wird sie zur Scheu vor frevelhafter Ueberhebung. Der älteste Gott war die Gefährlichkeit einzelner Natnrdinge, die erste Regung des religiösen Gefühls Schrecken uud Grauen, dumpfe Furcht vor der unabwendbaren Ge-
Gmizlwten II. 1877. "