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dient; er hat den Commentar zu jedem Capitel an den Schluß desselben verwiesen und durch Zeilenzählung des Textes die Zurückverweisung ermöglicht. Zu diesem Verfahren war er allerdings schon genöthigt durch den Umfang seines Commentars. Denn zum geringsten Theile besteht derselbe aus bloßen Notizen, dergleichen die anderen Herausgeber hinzugefügt; in der Regel sind seine Anmerkungen breit ausgeführte Excurse. In umfassendster Weise und mit größter Sachkenntniß hat Blümner die gesammte einschlägige Literatur zur Benutzung herbeigezogen, diejenige, welche Lessing selbst, ausgesprochen oder stillschweigend, benutzt hat. diejenige, worin über die ursprüngliche Anlage des „Laokoon", über die Veränderung mancher Lessing'schen Ansichten, über die Angriffe, die er bei Lebzeiten und später erfahren, Belehrung zu holen ist — von Herder's ..Kritischem Wäldchen" an bis herab zu Mos- ler's jüngst erschienenen „Kritischen Kunststudien", dazu die Hauptwerke der neueren Aesthetik und eine unabsehbare Reihe archäologischer Schriften. Ueberall hat er gewissenhaft Lessing's Ansichten gegen die gegenüberstehenden abgewogen und bald den Gegnern Recht gegeben, bald Lesfing in Schutz genommen. Und ich wüßte kaum ein Beispiel, wo man seinem vorsichtig erwogenen und bescheiden ausgesprochenen Urtheil nicht beipflichten könnte. Einzelne dieser Excurse sind wahre Fundgruben, in denen die ganze Geschichte der betreffenden Frage von ihren Anfängen bis zu ihrem heutigen Stande verfolgt ist.
Wenn ich diesem kurzen Lobe eine längere Reihe von Wünschen und Ausstellungen entgegensetze, so geschieht es natürlich nicht, um das eben gespendete Lob wieder zu schmälern, sondern um dem Verfasser zu beweisen, mit welchem Interesse ich sein Buch gelesen, und um ihm diese Wünsche für eine zweite Auflage des Werkes, die nicht ausbleiben wird, zur Erwägung zu geben. Was den Commentar im Allgemeinen betrifft, so meine ich, daß gerade die reichsten und ausgeführtesten Excurse desselben bisweilen noch eine etwas größere, namentlich auch stilistische Durcharbeitung vertrügen. Manches ist sehr schätzbares Material, könnte aber knapper, klarer und geschmackvoller dargestellt sein; an Düntzer'sches Notendeutsch dürfte nichts auch nur entfernt erinnern. Es scheint, als ob die Drucklegung des Werkes etwas rasch hätte von Statten gehen müssen und deshalb nicht überall die letzte Feile hätte angelegt werden können. Ferner könnte, wenn auch die Vorsicht und Bescheidenheit, in welche Blümner seine Urtheile kleidet. Lessing gegenüber gewiß am Platze ist, doch die gar zu häufige Potentiale Fassung derselben, die sich über ein „vielleicht", „wohl", „doch wohl", „denn doch wohl" nicht hinausgetraut, einer apodiktischeren Form Platz machen, wo das Richtige gar zu deutlich auf der Hand liegt.
Im Einzelnen kann man natürlich vielfach verschiedener Meinung darüber sein, ob eine Erläuterung oder Berichtigung des Lessing'schen Textes