Line Kritische Ausgabe von Lesstng's Laokoon.
Mit größerer Freude habe ich noch selten den Titel eines Buches gelesen, als neulich, wo mir die durch Blümner besorgte Ausgabe von Lessing's „Laokoon"*) in die Hände kam. „Man pfleget in einem wichtigen Werke zu blättern, ehe man es ernstlich zu lesen anfängt," heißt es an irgend einer Stelle in eben diesem „Laokoon". Hier aber blätterte ich nicht erst lange, um die erste Neugierde zu befriedigen, sondern fing sofort „ernstlich zu lesen" an. Denn — so sagte ich mir — wenn Blümner, einer der eifrigsten und kenntnißreichsten unsrer jüngeren Archäologen, einen Commentar zum „Laokoon" geschrieben, so weiß man ohne weiteres, was man zu erwarten hat; er wird, ja er muß gegeben haben, was uns seit langer Zeit schon Noth that: nicht bloß eine „kritische" Ausgabe in dem gewöhnlichen Sinne eines gereinigten, correcten Textes — eine solche versteht sich wohl nachgerade auch bei deutschen Classikerausgaben von selbst, — sondern eine „kritische" Ausgabe in ganz anderem Sinne, nämlich einen fortlaufenden kritischen Commentar zu der Lessing'schen Schrift vom Standpunkte der heutigen Wissenschaft. Und das hat Blümner gethan; fast in allen Stücken hat er die angedeuteten Erwartungen und Wünsche befriedigt, in vielen sie übertroffen.
Gervinus sagt einmal: „Ich glaube warnen zu müssen, daß man Lessing je leichtsinnig widerspreche". Eine wohlfeile Mahnung, denn was in der Welt soll man überhaupt leichtsinnig thun? Schasler bemerkt denn auch in seiner „Geschichte der Aesthetik" mit Recht, daß es viel ersprießlicher sein würde, wenn man von dem entgegengesetzten Grundsatze ausgehen und davor warnen wollte, Lessing leichtsinnig nachzubeten. Und vor allem mit Rücksicht auf den „Laokoon" dürfte diese Warnung am Platze sein. Es ist
>") Lessing's Laokoon, herausgegeben und erläutert von Hugo Blümner, Prof. der
Archäologie an der Universität Königsberg. Mit Holzschnitten. Berlin , Weidmann'sche Buchhandlung, 1876.
Grenzboten III. 187«. 5>1