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noch Lobeserhebungen auf ihren Vater und Jubel über den verkündeten Opfertod. — In den Leemoendalers soll Adelaart nach altem Gesetz dem Gott Pan geopfert werden; im Augenblick, wo er den Tod erleiden soll, erscheint Pan selbst und verhindert das Opfer, weil Hageroos, für welche Adelaart in Liebe glüht, welche Liebe das Mädchen aber mit Verachtung bisher abgewiesen hat, plötzlich anderen Sinnes wird und aus Liebe mit Adelaart sterben will. Wo die Handlung so ganz durch Willkür beherrscht wird, da kann von Charakterzeichung keine Rede mehr sein, und in allen Dramen Vondel's, welche nicht Uebersetzung sind, ist schwerlich eine Person zu finden, die etwas verräth, was man Charakter nennen könnte.
In den meisten Dramen kommen Anspielungen auf die damaligen politischen und religiösen Verhältnisse in Holland vor; einzelne derselben: Palamedes, Leemoendalers, Lucifer sind Allegorien. „Palamedes" stellt die Verurtheilung und Hinrichtung Oldebarnevelt's durch seine religiös-politischen Gegner dar. „Leemoendalers" haben den achtzigjährigen Krieg und den westphälischen Frieden zum Motiv. „Lucifer" ist die Verurtheilung des Aufstandes der Niederländer gegen die Spanier. Bei allen Dramen sind, nach griechischem Beispiel, Chöre etngeflochten, mit denen Vondel eben so unglücklich gewesen ist, wie Schiller, obgleich die Vondel'sche Lyrik in den Chören besser zum Ausdruck kommt. Wie die Dramen ganz von seinem religiösen Geist durchdrungen sind, so auch die Lyrik. Die Vondel'sche Dichtung ist durchgängig ein Lobgesang auf die Macht, den Glanz, die Herrlichkeit und Majestät Gottes. Kindlichgläubig unterwirft er sich der Allmacht; er sucht nicht den Schleier der Geheimnisse der Religion zu erforschen, er kennt keinen Zweifel, keinen Seelenstreit. Dadurch ist seine Muse eintönig. In der Brust der meisten nachdenkenden Menschen besteht nun einmal ein religiöser Zwiespalt, ein Ringen nach der Wahrheit, ein Streit, der nie endet und das ganze Menschenleben erfüllt. Diese feinsten Seiten des Herzens vermag der Dichter nicht zu rühren. Der Dichter des alten Testamentes singt: „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so dürstet meine Seele nach Dir!" Welche Seelenangst schildern uns diese Worte. Aber Vondel kennt sie nicht, diese Sehnsucht nach dem Ende des Streites, denn er kennt nur die Ruhe der Ergebung. Wohl fühlt er die Poesie, welche aus den Worten des Psalmisten spricht, denn er braucht dieselbe mehrfach; aber aus ihm selbst kommen keine dergleichen Aeußerungen der Verzweiflung. Das menschliche Herz mit seinen wechselnden Stimmungen ist ihm ein verschlossenes Buch, darum gelingt es Vondel auch so selten, eine Stimmung in uns wach zu rufen.
Was aber noch Wetter beim Lesen der Vondel'schen Dichtungen ermüdet, das ist der geschraubte, schwülstige Stil seines Jahrhunderts. Seine Sätze sind häufig über alle Gebühr lang und künstlich zusammengesetzt, so daß es