331
Gberst Kellers.^)
Wir haben neulich in Tillier's „Onkel Benjamin" einen sehr komischen Franzosen kennen gelernt. Die neuesten beiden Bände der „Amerikanischen H u m o rist e n" stellen demselben einen nichr weniger komischen Uankee an die Seite. Wie jener, so hat auch dieser entschiedenen Anspruch auf einen Platz in der Tafelrunde, an der sich, ein Schauspiel für Götter und Menschen, der unsterbliche Spanier, der Ritter von der traurigen Gestalt und sein Knappe an den unsterblichen Briten Falstaff, und an diese weiter unten Mr. Pickwick und Sam BZeller, der Onkel Bräfig, Spindler's Meister Kleiderleib und andere närrische Käuze und lustige Gesellen kleineren Kalibers reihen. Das „Vergoldete Zeitalter" ist als Ganzes nicht eigentlich ein Werk reinen Humors, der keine andere Absicht hat, als die, komisch zu sein oder doch komisch zu scheinen, der also immer naiv ist und handelt. Es ist eine Satire, die den Zweck verfolgt, am Schicksal einer Familie, deren Glieder und Bekannte in verschiedene Situationen gebracht werden, eine Anzahl der Hauptgebrechen, an denen das öffentliche Leben in der Union leidet, aufzuzeigen und zu geißeln. An einer Dampferfahrt auf dem Mississippi wird uns die unverantwortliche Tollkühnheit vorgeführt, mit welcher hier die Kapitäne einander an Schnelligkeit zu überbieten suchen. Der Vater jener Familie und mehrere seiner Freunde re- Prcisentiren die Speeulationssucht, welche selbst die untern Schichten der amerikanischen Gesellschaft durchdringt. Wir sehen, wie der Schwindelgeist der Unternehmer Eisenbahnen und Städte baut oder wenigstens projectirt. Wir blicken in die Geheimnisse der Gründer auf der neuyorker Wallstreet und begegnen dem geldmachenden Humbug noch auf zahlreichen andern Gebieten. Nir lächeln verächtlich über den Dünkel und die albernen Manieren der Glückspilze, welche einen guten Theil der vornehmen Welt in Washington ausmachen. Den Hauptaccent ^aber legt die Satire auf die Corruption der Rehrzahl der Congreßmitglieder, die uns namentlich im Senator Dilworthy gezeichnet werden, aus die Intriguen der „Lobbyisten", welche bei vielen Gesetzen dem Egoismus Einzelner zum Siege über das allgemeine Wohl verhelfen , und auf die Bestechlichkeit der Gerichte, die in den letzten Jahren in Mehrern Fällen geradezu gen Himmel schrie. Daß dabei einige Uebertreibungen vorkommen, ist dem satirischen Dichter erlaubt, er schreibt ja nicht Geschichte, sondern zeichnet Carricaturen, und so wäre das Ganze, — abgesehen von einigen Mängeln in der Composition, die durch eine neben der Haupterzählung herlaufende und sich nicht immer geschickt mit ihr verschlingende Nebengeschichte
*) Das vergoldete Zeitalter von Mark Twain und Ch, D. Warner, übersetzt von Moritz Busch. Leipzig, 1870. Verlag von W. Gnmow.