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bei der keine Rücksicht auf das lügnerische Bewußtsein genommen wird, auf die Presse beschränkt werden, und dieser damit eine wohl zutragende, wohlthätige und ehrenvolle Verantwortung auferlegt werden. Wer unwahre Thatsachen durch die Presse verbreitet, die geeignet sind, das Staatswohl zu beschädigen, sollte nach unserer Meinung strafbar sein. Diese naturgemäße Forderung war das Thema der Rede des Reichskanzlers, deren klarer Zusammenhang mit dem § 131 dem Abgeordneten Windthorst entgangen zu sein schien. Sonst würde er wohl nicht darnach gefragt haben.
Der Reichskanzler begann damit den Anspruch der Fortschrittspartei zurückzuweisen, die Reichsregierung solle nur Gesetze einbringen, deren Annahme durch den Reichstag sicher sei. Die außerordentliche Geistesstärke des Fürsten Bismarck zeigt sich namentlich auch darin, die sinnfälligen Merkmale da zu sehen, wo sie liegen. Nicht alle Leute wissen bekanntlich sogleich, wo ein Berg liegt, den sie sehen. In dem Anspruch der Fortschrittspartet liegt die Forderung der Republik. Dies wird fortan Jedermann begreifen, auch die ehrlichen Anhänger dieser Doktrin selbst, welche der Doktrin treu bleiben, indem sie wissen, was sie mit derselben sind.
Der Reichskanzler behandelte nur das Thema, daß die Verbreitung erdichteter Thatsachen, deren Annahme auf Treue und Glauben das Gemeinwohl schädigt, strafbar sein sollte, an drei Beispielen. Zuerst an den Kriegsgerüchten des Frühjahrs 1873. Aber dabei unterschied der Kanzler sehr genau zwischen dem Artikel der „Post" vom 9. April, den er nicht veranlaßt aber auch nicht tadelnswerth gefunden zu haben erklärte, und denjenigen Kriegsgerüchten, die aus anderer Quelle entsprangen und einen andern Urheber der Kriegsgefahr anklagten. Die „Post" hatte die Symptome kriegerischer Absichten bei der französischen Regierung zusammengestellt. Daß diese Absichten nicht vorhanden gewesen, ist noch heute nicht bewiesen, wohl aber kann die in Deutschland erregte Aufmerksamkeit auf die Symptome davon Warnungen anderer Großmächte in Paris veranlaßt haben, die ihre Frucht getragen haben. Als dies aber geschehen war, wurde, zur Trauer des deutschen Patriotismus, sei es gesagt, unter dem Secundiren eines großen Theiles der deutschen Presse, der perfide Versuch gemacht, die Absicht der Kriegsstiftung auf die deutsche Regierung zu werfen. Es erschien der bekannte Times-Artikel vom 6. Mai, worin diese Absicht mit crassen Lügenfarben aufgetischt wurde. In Folge dieses Artikels allgemeine Baisse an der Londoner und andern Börsen, in Folge dessen große Einkäufe der Eingeweihten. Am 10. Mai traf Kaiser Alexander in Berlin ein und nun konnten die Baissiers vom 9. Mai telegraphiren, der russische Kaiser habe dem deuschen Kanzler den Krieg verboten.
Nachdem die Erwähnung des Artikels der „Post" dem Kanzler Anlaß gegeben, sein Verhältniß, bezüglich sein nicht mehr bestehendes Verhältniß zu