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Die Trilogie Karl´s des Kühnen. I.
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arrondirte Ländercomplexe getrennt war. Das natürliche Bestreben des Her­zogs mußte darauf gerichtet sein, diese trennenden Lande zu erwerben; doch mit diesem Zweck begnügte Karl sich keineswegs; nicht umsonst führte er den Beinamen desKühnen" ( t6in6rg.ire); sein Ehrgeiz war dahin ge­richtet, das ganze alte arelatensische Königreich wieder herzustellen und also außer Lothringen auch die Provence, die Dauphine und die Schweiz an sich zu reißen, um dann sein Haupt mit der Königskrone von Burgund zu schmücken. Es versteht sich, daß hierzu außerordentliche Kriegsmittel noth­wendig waren, und Karl hat es nicht daran fehlen lassen, die seinigen mit allen Kräften zu heben und zu erweitern. Fassen wir dieselben zunächst ins Auge.

Schon Karl's Vater, Philipp der Gute, hatte viel für das burgundische Heerwesen gethan. Was er vorgefunden, war im Grunde genommen derselbe Zustand, der in jener Zeit des Verfalls der feudalen Kriegsverfassung fast ganz Westeuropa gemeinsam war. Wie überall so hatten auch in Burgund die Vassallen beinahe ausschließlich die Reiterei des Heeres gebildet, während die Städte und die Gemeinden freier Landleute das Fußvolk stellten. Die niederländischen Stadtmilizen hießenPorterer", die freien Dienstknechte vom Landewohlgeborene Männer". Die Dienstpflicht war freilich allgemein, aber in der Zeit ganz außerordentlich beschränkt und daher die Ausbildung mangelhaft, die Leistung unzuverlässig. Schildert doch der sach­kundige Commines den Zustand der burgundischen Lehnsreiterei zur Zeit der liiZuö du dien xudlie und namentlich in der Schlacht bei Montlhery als ganz und gar unzulänglich.Unter 12 bis 14 Hundert Reisigen" sagt er, gab es kaum 50, welche die Lanze gehörig zu handhaben wußten; keine 400 waren vollständig gerüstet, und den zwar stattlichen Rossen mangelte es ganz an bewaffneten Dienern." Angesichts solcher Zustände lag es nahe, das Vorbild der permanenten Truppen Charles' VII. nachzuahmen und für die Aufbringung der dazu nöthigen Mittel bot sich eine Handhabe in der Sitte des Loskaufs (Schtldtale, seuwrium), welche in mehren Provinzen so­wohl für die Vasfallen als für die wohlgeborenen Männer und die Porterer bestand.*) Eine Erweiterung dieses Loskaufs stellte dem Herzoge angemessene Geldmittel zur Verfügung.

Im Jahr 1471 geschieht denn auch bereits einer Miliz Erwähnung, deren Mannschaft sich stets marschfertig halten sollte und welche dafür einen kleinen Gehalt bezog. In demselben Jahre macht der Herzog seinen, in Abbeville versammelten Ständen die Vorstellung:wie er in seinem Kriege mit Frank­reich, aus Mangel an stehenden Truppen, in den entschiedensten Nachtheil,

*) van Kämpen- Geschichte der Niederlande. Hamburg 18311833.