Mmatien und die Orientalische Irage.
Seit Jahrhunderten ist man in Europa gewöhnt, von Zeit zu Zeit auf den Lärm zu achten, welcher von der Türkei herüber schallt; nur daß sich allmälig die Veranlassung zu diesem Lärm wesentlich geändert hat. Einst hörte man sorgenvoll auf die Kunde von osmanischen Kriegszügen und harter Türkennoth, jetzt sind die Türken selbst in Noth und Bedrängniß gerathen und gar mancher vermeint, es ginge mit dem Reiche des Padischas zu Ende. Viele Anzeichen sind vorhanden. welche gemeiniglich den Niedergang eines Reiches begleiten und wenn seit dem Sommer der Kampf in der Herzegowina nicht ruht und die stammverwandten Völker im Serbenlande und in den Schwarzen Bergen nur unter dem Drucke des großmächtlichen Einflusses ihre Kampfeslust zügelten und ihren von den Tataren ererbten Haß gegen den Osmanli von kriegerischer That zurückhielten, so beweist dies doch schon zur Genüge, daß es um die Zukunft der Pforte nicht wohlbestellt sei. Wenn dann die Gläubiger derselben eines Tages mit der Ankündigung einer tief in ihren Säckel einschneidenden Zinsenreduction, hinter welcher sich ein kleiner Staatsbankerott verbirgt, überrascht wurden, so mußte dieser Ausdruck peinlicher Finanznoth um so mehr den Glauben an die Kraft und Fähigkeit der Türkei zur glücklichen Lösung ihrer Wirren erschüttern. Wiederum richtet sich der traurige Blick nach Osten und das Schicksal der zum Schauplatze künftiger Ereignisse bestimmten Länder gewinnt an Interesse; die Conjunctur über die Umgestaltung jenes Theiles der europäischen Karte macht sich geltend und man fragt nach Vergangenheit und Gegenwart derselben, um darüber die Lineamente der Zukunft in Erwägung zu ziehen.
Das Ostgestade der Adria bietet ganz eigenthümliche Gestaltungen dar und steht im engsten Zusammenhange mit den osmanischen Geschicken. Während die Türken überall den Weg zur See sich öffneten und die Halbinsel des Balkans in ihrer ganzen Breite vom Pontus Euxinus bis zu den Ufern des ionischen Meeres und bis in das kroatische Bergland in Besitz nahmen, erhielt sich ein langer schmaler Küstensaum von ihrer Herrschaft frei und kam nach Grenzboten IV. 187S. 61