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nicht irre, ein Neffe der vorm Jahre verstorbenen Fürstin Liegnitz — zählt zur böhmischen Feudalpartei, die im Verein mit der Geistlichkeit bekanntlich das jetzige Tschechenthum groß gezogen hat und noch stützt, und hat in seinen Beamten, Arbeitern, Pächtern u. s. w. ausschließlich Tschechen lautersten Wassers in die ehedem rein deutschen Bezirke gesandt. Einer dieser eingewanderten Slaven ist auch der Wirth der „gräflichen Schenke", wie das Gasthaus trotz seiner Hotelprätensionen allgemein genannt wird, und ein fanatischer Deutschenfresser dazu. Bei ihm spricht das ganze Tschechien aus näherem und fernerem Umkreise ein, und der Deutsche, den sein Weg zufällig in das Haus führt, kommt, um einen treffenden Trivialausdruck zu gebrauchen, sich in dieser fremden Atmosphäre vor „wie verrathen und verkauft". Müssen doch sogar leblose Dinge dazu dienen, um, wenn gleich in läppischster Weise, tschechisch zu demonstriren. So wird die Billardtafel der Gaststube von einem mächtigen Löwen getragen, der gekrönt, und doppelschweifig, das Wappenthier Böhmens vorstellen soll.
Wenn der Leser einen Blick auf die Karte wirft, so wird er bemerken, daß sich im Nordosten des Landes ein Zipfel des preußischen Schlesiens gleich einem Keil in den Rand Böhmens hineinschiebt; an der Spitze dieses Keils, da, wo Jser- und Riesengebirge zusammenstoßen, beginnt das Gebiet, welches wir durchwandern wollen. Eine halbe Stunde südlich von Neuwelt gelangt Wan an den dem erstern der beiden Bergzüge seinen Namen leihenden Fluß ; er scheidet sie von einander, die schmale Thalsohle fast ausfüllend, und bildet ^gleich die Grenze dreier umfänglicher Grundherrschaften. Vom linken Ufer der Jser steigen die Wälder der Grafen Schaffgotsch und Harrach empor, am rechten dehnen sich die Forsten des Fürsten Rohan aus, dessen prachtvolles Schloß Sichrow bei Turnau, während der Kriegsrvochen von 1866 eine Zeit lang Hauptquartier sowohl des Königs als des Prinzen Friedrich Carl von Preußen war, es ist von einem der schönsten Gärten der Welt umgeben.
Der Graf Schaffgotsch ist der eigentliche Dynast des Riesengebirgs, die ganze Nordseite desselben und nahezu das gesammte Jsergebirge gehören ihm; ^ucin könnte ihn als den heutigen Rübezahl bezeichnen; jedenfalls ist er einer der Wald- und Bergkönige Deutschlands. Seine Besitzungen sind es, die sich ^'ilartig ins Böhmerland hinein zwängen, ein mit dichten Fichtenholzungen bedecktes Terrain, voller versteckter Pfade und schwer zugänglicher Schlupfwinkel , welches dem in früheren Tagen schwunghaft betriebenen Schmugglergewerbe fördersam zu statten kann. Jetzt ist die Pascherei nur noch ein kleines Geschäft, das nicht viel abwirft, höchstens geht man über die Brücke nach Preußen hinüber, sich feinen Wirthschaftsbedarf an Salz zu holen, wie umgekehrt ab und zu wohl eine Taglast böhmischen Flachs- oder Baumwollge- spinnstes einem schlesischen Weber unverzollt ins Haus wandert. Sonst aber