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Briefe aus der AaiserstM.
Berlin, 27. Juni.
Seit vierzehn Tagen stehen unsere parlamentarischen Gebäude verödet, die Minister sind zur guten Hälfte auf Reisen, auch der hohe Bundesrath hat der Reichshauptstadt soeben den Rücken gekehrt und nur die Justizconunisfiou sucht in der kühlen Halle des Reichstagsfoyers, die kein Sonnenpfeil erreicht, der erschlaffenden Sommergluth noch eine Weile zu trotzen, aber auch ihre Mitglieder, voran die Söhne der süddeutschen Berge, harren bereits mit Sehnsucht dem lü. Juli entgegen, der sie dem Leben, der Menschlichkeit zurückgeben soll. So ist also die todte Jahreszeit in aller Form angebrochen und wer nur immer dazu im Stande ist, der packt seine Koffer und sucht das Weite. Aber wie Wenigen unter dieser Million von Bewohnern Berlins ist es beschieden, den ganzen Sommer in besserer Atmosphäre genießen zu dürfen! Gar Viele sind froh, wenn sie dem ungeheuren Gefängniß nur auf ein paar Wochen entrinnen und die unendliche Mehrzahl bleibt erbarmungslos in seinem Raum eingeschlossen. Doch fügen wir gleich mit dem zur klassischen Figur gewordenen Schließer in der „Fledermaus" hinzu! „'s ist ein fideles Gefängniß!" Der Berliner hat wenig Neigung zur Melancholie. Die Rinnsteinatmosphäre unserer Straßen kann an Tagen mit 26 — 28 "R. allerdings auch den hartgesottensten Phlegmatiker rasend machen; aber wozu hätten wir denn unsere „herrliche Gegend!" In der That, die unmittelbare Umgebung Berlins — selbst von Potsdam, das schon entfernter gelegen, ganz abgesehen — ist keineswegs so reizlos, wie sie draußen im Reich und in der ganzen Welt verschrieen ist. Spree und Havel mischen sich mit den düstern Kieferwaldungen zu manchem überraschenden Landschaftsbilde. Auch die Kunst hat ihre Schuldigkeit gethan; der „Thiergarten" ist ein mit Geschmack angelegter Wald und der prächtige Zustand, in welchem er trotz der Ungunst des sterilen Sandbodens erhalten wird, macht seiner Verwaltung alle Ehre. Der „Zoologische Garten" ferner und die „Flora" in Charlottenburg sind herzerhebende Erholungsplätze, die letztere zumal entfaltet dermalen in reichster Fülle den unbeschreiblichen Zauber, welchen die Königin der Blumen, die Rose, zu allen Zeiten auf das menschliche Gemüth geübt hat. Fürwahr, an solchen Punkten könnte wohl Mancher versucht sein, sich in die wonnevollen Schauer gefühlsseliger Naturbetrachtung zu versenken, wenn er nicht in jedem Augenblick an die brutale Wirklichkeit, an das fidele Gefängniß erinnert würde. Da fliehe Einer z. B. in das düstere Dickicht des „Grune- walds" — wo immer er ein lauschiges Plätzchen findet, da darf er auch sicher