An römisches Mchterteben.
Der Winter hat dieses Jahr ziemlich scharf auf seine Hoheitsrechte gepocht, er war empfindlich kalt, an Schnee und Eis hatten wir Ueberfluß, mehr als uns lieb war und dennoch verzweifelten und verzagten' wir nicht, denn der strenge mürrische Herr hat doch auch wieder seine guten Eigenschaften: aus der Oede der Natur, die er draußen, in Feld und Wald zu schaffen geruht hat, erblühen an den verschiedensten Stellen, wo nur Menschen wohnen, die grünen Oasen der Geselligkeit, und mancher möchte diese nicht gegen alle Reize der schöneren Jahreszeiten vertauschen. In der That, die Geselligkeit ist ein Zauberstab, welcher uns über jedes unheimliche fröstelnde Gefühl, über jeden unangenehmen und schmerzlichen Eindruck wegzuheben und in ein trautes Heim zu versetzen vermag, wo liebe Stimmen uns umtönen, und die Klänge der Muttersprache zwischen uns und unsern Bekannten jeden Augenblick die Brücke bilden, auf der unser kostbarster Vorrath von Gedanken und Empfindungen in aller Gemüthlichkeit und zollfrei sich hinüber und herüber bewegen kann. Am meisten weiß dieses Glück zu schätzen, wer es für längere Zeit entbehren mußte; danken wir unserm guten Stern, wenn er uns vor Entbehrung bewahrt, und bemitleiden wir aus tiefster Seele den Unglücklichen, den ein herbes Geschick aus seiner gewohnten Umgebung hinauswarf an fremde und einsame Gestade, bedauern wir ihn um so tiefer, je mehr seine,Natur am geselligen Leben ihr Genüge und ihren Genuß fand. Einen solchen Unglücklichen will ich meinen Lesern vorführen. Seine Klagen sind zwar längst verhallt, jede Spur seiner körperlichen Existenz seit aber und aber hundert Jahren verwischt und verweht, und kein Freund braucht sich um die Linderung der trostlosen Lage des armen Verbannten mehr zu bekümmern; aber wir können mit Hülfe einer sehr erlaubten, keineswegs schwarzen Kunst, den Geist des Verstorbenen citiren, wir können ihn Zwingen Rede zu stehen über sein Leben und können dieses sozusagen Schritt für Schritt verfolgen, vom Augenblicke der Verbannung an bis kurz vor seinem Erlöschen. Und zwar ertheilt er uns Kunde mit ganz denselben Worten und Seufzern, welche damals seiner Brust entströmten, denn diese alle sind von ihm selber aufgezeichnet, als das Vermächtniß seiner Verbannung Grenzlioten II, 1857. 26