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Italienische Keiseöilder
von Karl Stieler. 2. Mailand.
Nicht in seiner äußern Erscheinung, aber seinem innern Werthe nach zählt Mailand zu den bedeutendsten Charakteren Italiens; es ist mehr als Phrase, wenn man es die „moralische Hauptstadt" des Landes nennt. Was mußte nicht Alles geschehen in Thaten und Leiden, bis endlich das Vaterland geeinigt war, und wenn auch die Begeisterung für diesen Wunsch das ganze Volk durchfluthete, der Löwenantheil an der Arbeit fiel doch dem Norden zu. Hier vor Allem, in Piemont und bei den Lombarden, war jener nüchterne strenge Geist, der zum Wollen auch die That fügt, den keine Noth des Er- duldens schreckt, und im Erdulden wenigstens ist keine andere Stadt mit Mailand vergleichbar. 48 mal ist es belagert worden, und 28 mal ward es erstürmt , so oft die Wogen des Krieges sich über die Lombardische Ebene ergossen, schlugen sie brandend an seine Mauern, wie ein Fels aus dem Meere ragt Mailand aus der stürmischen Geschichte des Mittelalters. Aber neben all dieser Kampfeslust, neben jenem männlichen Trotz, der recht eigentlich die Signatur der Stadt war, blühte doch immer in unerschöpflicher Fülle Kunst und Wissenschaft, Reichthum und Minnedienst, ja es entstand sogar im Scherz die Sage, der Name Mailand sei die „Stadt der Maiden".
So gingen 2 Jahrtausende im Sturm über dies kühne Haupt der Lombarden hin und wir glauben es kaum, daß dieselbe Stadt, in der wir die weißen Soldaten Radetzky's sahen, die 1839 begeistert rief: „Vittoriv Emmanuel«" zweihundert Jahre vor Christus schon von den Römern belagert ward, daß Theodosius hier Hof hielt und Attila hier sengte. Furchtbarer aber, als sie Alle, war das Strafgericht Barbarossa's, dessen Gattin hier so tiefe Schmach erduldet, daß er schwur die Stadt dem Boden gleich zu machen. Mit eisernen Hacken wurden damals die Gebäude niedergerissen und Feuer an ihr Gebälk gelegt; erst auf den Trümmern Mailands sah der Kaiser seine Sühne. Zwei Jahrhunderte später finden wir die Viscontis im Vollbesitze der Stadt, die Mittel, mit welchen sie ihre Herrschaft befestigten, waren dieselben, die jeder Gebieter Italiens damals übte, dieselben wie sie Maechiavell im Principe berühmt gemacht; nur daß sie der eine kühner als der andere zu gebrauchen wußte.
Grausame Zeiten, voll Blut und Gewaltthat mußten vergehen, ehe das Geschlecht der Sforza das Herzogthum gewann. Sie kamen aus niedrigem, ja bäuerlichem Stamme, aber der Gründer ihrer Würde besaß doch wenigstens persönlichen Muth und zeigte, was der Glaube an einen hohen Beruf vermag, bis seine Enkel wieder in den Fluch der alten Tradition versanken.