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Der Kaufmann von Venedig.
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Z)er Kaufmann von Venedig.

Ein Vortrag

von H. Jaeoby.

Es giebt wenig Dramen, welche in einem solchen Maße, wie Shakespeare's Kaufmann von Venedig theils dem Verständniß des Lesers oder Hörers sich erschließen, theils sich entziehen. Die Charactere sind so scharf und bestimmt gezeichnet, die einzelnen Handlungen fesseln und spannen auch einen wenig geübten Sinn in so hohem Grade, daß es nicht wunderbar erscheinen kann, wie dies Drama volkstümlichen Werth gewinnen und auch in weiteren Kreisen Bürgerrecht erhallen mußte. Aus der andern Seite ist die Idee des Dramas keineswegs leicht zu bestimmen, und wir sehen daher Ausleger, welche in dem Verständniß der einzelnen Charactere und Handlungen fast völlig mit einander in Einklang stehen, in der Erkenntniß der zu Grunde liegenden Einheit sehr erheblich von einander abweichen. Kreyßig findet sie in der Empfehlung einer Lebensklugheit, welche maßvoll und besonnen die gegebenen Verhältnisse klug zu benutzen und heiter zu ertragen versteht, welche starkes Gefühl und klaren Verstand harmonisch in sich ausgleicht, gleich weit entfernt von starrem Idealismus und verhärteter Selbstsucht. Gervinus geht von der Voraus­setzung aus, der Dichter habe die verschiedenen und entgegengesetzten Beziehungen des Menschen zum Besitze schildern wollen. Ulrici und Rötscher endlich erblicken den letzten Sinn des Dramas in dem Erweis, daß das menschliche Leben nicht aus dem tödtenden Buchstaben des äußeren Rechts, sondern viel­mehr auf der lebendigen Sittlichkeit, auf der Einigung des göttlichen und menschlichen Willens durch die göttliche Gnade beruhe. Wir enthalten uns zuvörderst jeder Kritik dieser einander gegenüber stehenden Auffassungen, um vielmehr in eingehender Darstellung der fortschreitenden Handlung und der eingreifenden Charactere die Idee des Dramas, welche wir gefunden haben, zu bewähren.

Die größte Schwierigkeit für das Verständniß bietet Antonio, der Kauf­mann von Venedig. Shakespeare hat nach ihm das Drama genannt und ihn damit offenbar zum hervorragendsten Träger der dramatischen Idee bestimmt. Grmzbotm II. 1874.