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leider schon abgeblühten Alpenrosen. Dieses Rhododendron versetzt ihn ganz in die Alpen zurück; er glaubt im Geiste schon das Geläut der Kühe und das Jodeln der Sennen zu hören. So also vermag in Ostgronland die Pflanzenwelt, die im Winter durch den nöthigen Schnee gegen den grausigen Frost geschützt ist, in dem kurzen Sommer durch das stetig und intensiv wirkende Licht, durch von unten und oben treibende Wärme sich zu ungewohnter Schönheit zu entfalten, sie vermag jährlich Blüthe und Frucht zu reifen.
Bei solchem reichen Pflanzenleben konnten wir auch mit Recht die Gegenwart mancher pflanzenfressenden Thiere vermuthen, und zwar sicher des Rennthiers und des rein weißen Polarhasen, die überall den eisigen Norden bevölkern. Aus den weiten reichen Weiden des Festlandes fanden wir große Heerden dieses prachtvollen Hochwildes weiden, ungestört und ungeschreckt bei der Annäherung des mordlustigen Menschen. Aber es war noch ein anderes ebenso wichtiges und interessantes Heerdenthier, das uns dort begegnete und dessen Entdeckung in Ostgrönland seltsamer Weise unserer Expedition vorbehalten war. Es ist das der arktische Ochse, jener von der Franklin-Expedi- tion her bekannte Moschusochse mit seiner niedrigen Gestalt, den langen dunklen Haaren und den am Grunde kolossal dicken und schweren Hörnern. Auch dieses seltsame Thier lebt in Heerden dort, scharrt sich im Winter das Futter unter der dünnen Schneedecke hervor und bietet, wie das Rennthier und der Hase, dem Menschen eine ausgezeichnete und gesunde Nahrung. Auch kleinere Thiere leben von Pflanzen: der kleine graue Lemming gräbt den feinen Wurzeln nach, und unter den Vögeln sahen wir die Gänse auf den Wiesen weiden und die reizenden Schneehühner von den jnngen Schößlingen der Weiden sich nähren. Aber wie in der ganzen Natur, so haben auch hier die Thiere ihre besondern Feinde. Das zwischen den Steinen wohnende Hermelin und der überall sich umhertreibende Fuchs stellen ihnen auf dem Lande ebenso nach, wie aus hoher Luft herab die Eule und der Falke. Aber dessen ungeachtet zwitschert und singt die Schneeammer ihr frohes Lied schon im ersten noch bitterkalten Frühjahr, flöten die Regenpfeifer 'und Strandläufer in den Niederungen des Strandes und stellen den kleinen Larven, Mücken und Fliegen nach, die auch dort ihr stilles Leben fristen.
Eine reichere Nahrungsquelle für Vögel und Säugethiere bietet nun freilich das Meer. In den Wiesen der Tange am flachen Strande, in den Wäldern der riesigen Laminaria treiben Millionen von Krebsthierchen ihr Wesen und durch die jahraus jahrein gleiche Temperatur des Wassers begünstigt, erreichen sie eine ungewöhnliche Größe. An den Steinen und am Boden des Grundes leben Muscheln und Schnecken es sind theilweise dieselben wie in unserer Ostsee, aber sie zeigen meist kräftigeren Bau. Und diese Krebsthiere nebst einigen kleinen Fischleichen dienen dem Heere der Wasservögel zur Nah-