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Oder ein Ministerium aus der rechten Seite der Nationalliberalen, welches ohne Majorität doch nur den Weg des Conflikts betreten könnte! Welche Veränderungen sich auch in Deutschland vollziehen mögen, wer auch das Zepter des Reichs halten möge — wenn Fürst Bismarck in den nächsten Jahren keine Majorität erhält, so erhält sie jeder andere Staatsmann noch viel weniger. Eine Regierung aber, die geführt werden muß im Kampfe mit an sich disparaten, in der Vereinigung jedoch einigen Elementen, kann, wenn Fürst Bismarck sie nicht führen will, nur von einem Staatsmann der äußersten Rechten geführt werden.
Nach Allem, was von hier aus und in nächster Nähe der Dinge zu erkennen ist, stehen die Aussichten für die Annahme des Militärgesetzes durch den jetzigen Reichstag äußerst ungünstig. Alle ernsthaft und wahrhaft nationalgesinnten Männer müssen also ihre Hoffnung auf die nächsten Wahlen setzen, und schon jetzt darauf denken, wie sie ihre Anstrengungen vereinen, ein dem Vaterlande heilsames Wahlergebniß zu Stande zu bringen.
0—r.
Das WiMrgesch und die Parteien.
Es ist eine auffallende Thatsache, daß unsere deutsche Regierung trotz aller ihrer Verdienste um Deutschland, trotz aller ihrer Erfolge, die das Staunen und die Bewunderung der Welt erregt haben und noch immer mehr erregen werden, eines nicht verstanden hat, — sich zur Stütze ihrer Bestrebungen und ihrer Politik eine feste, sichere, zuverlässige parlamentarische Mehrheit oder auch nur eine irgendwie bedeutende Regierungspartei zu bilden. Wir freuen uns. daß unsere deutsche Ehrlichkeit und Sittlichkeit es bisher verschmäht hat, diejenigen Mittel und Mittelchen dunklen oder zweifelhaften Charakters anzuwenden, durch die in andern Landen eine Regierung die Schar der Jasager zusammentreibt. Aber wir bedauern es auf das lebhafteste, daß die Regierung den Gesichtspunkt gar nicht aufgestellt und für sich als maßgebend betrachtet hat. um ihre Prinzipien und zur Durchführung ihrer Prinzipien eine parlamentarische Partei zu consolidiren. Ebenso wenig wie das gegenwärtige preußische Abgeordnetenhaus, bietet der gegenwärtige deutsche Reichstag in seiner Zusammensetzung eine dauerhafte oder ausreichende Basis für eine consequente und große innere Politik.
Die Regierung des Fürsten Bismarck ist ausgegangen von conservativen
Grundsätzen, getragen und gestützt von conservativen Parteigenossen. Die Grenzbotm II. 1874. 5