Ueber den Siyl in der Kriegskunst.*)
Von Max JähnS.
I.
In der Sprache liegt eine Offenbarung. Selten wandelt der Sprachgebrauch auf Irrwegen. Bedeutungsvoll erscheint es daher, wenn zu einer Zeit, da das Wort „Kunst" mit Bewußtsein und allgemeinster Geltung ganz vorzugsweise auf den Begriff der schönen Künste eingeschränkt erscheint und einen vorwiegend ästhetischen Inhalt empfangen hat, doch die Wörter „Staatskunst" und „Kriegskunst" in aller Munde geblieben sind. Das ist gewiß nicht zufällig, und schwerlich haben diejenigen Recht, welche mit Vorliebe von dem Kriegshandwerk oder von der Kriegswissenschaft reden. Der Gras de la Noche-Aymon, der zu Anfang unseres Jahrhunderts ein damals berühmtes Buch über die Kriegskunst schrieb,**) meint in der Einleitung desselben: man höre oft sagen, „daß der Krieg eine Kunst nur für die Unwissenden, für fähige Köpfe vielmehr eine Wissenschaft sei." — Nichts ist unrichtiger und schiefer! Ich behaupte dagegen, daß es zwar viele Kriegswifsenschaften, aber nur eine Kriegskunst giebt.
Es ist ja der bezeichnende Unterschied zwischen Künsten und Wissenschaften, daß die letzteren an und für sich nichts anderes erstreben, als den Inbegriff gleichartiger, nach großen Hauptgedanken methodisch geordneter Erkenntnisse: das Wissen ist ihr Inhalt und ihr Zweck. Die Künste dagegen wollen schaffen; „Kunst" stammt von „können"; Gedanken sind der Inhalt, die künstlerische That, das Kunstwerk ist der Endzweck der Kunst; ein Künstler ist der, welcher eine Idee zur Erscheinung bringt. — Um das zu vermögen bedarf allerdings der Künstler auch des Wissens. Nur der Mann, in dessen Seele durch eine hohe und weitreichende Weltbildung Ideen und Ideale reifen, wird Gedanken fassen, die eines großen Kunstwerks würdigen Inhalt bilden
/^orttag. gehalten am 31. Januar 1874 im- Wissenschaftlichen Verein in der Sing- Akademie zu Berlin.
-) luti-oauotioll K I'öwäs u>- . ,'art, xuoi-re. Weimar. 1802 — 4. Grenzboten I. 1874.