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guter Theil Selbstkritik und Selbstüberwindung und die völlige Unterordnung der Eigen- und Parteiinteressen unter die Forderungen des modernen Staates.
Das kleine Häuflein der Getreuen, welches bei der Regierung Preußens und der deutschen Reichsleitung ausharrte, als der helle Haufen der Junker in das rebellische Lager der Kreuzzeitung überlief, hat diesen heilsamen Weg bereits beschritten. Das Organ der „Neuconservativen" — zu welchen beiläufig bemerkt, Männer wie Moltke, Falk, Delbrück, Camphausen, v. Blanken- burg, Roon, Achenbach, Stephan u. A. sich rechnen — das „Preußische Volksblatt", dem die Hasser und Neider aus dem Kreuzzeitungslager den ebenso unbegründeten als unverständigen Vorwurf offiziöser Unterstützung entgegenschleudern, brachte am Ausgang des alten und zu Beginn des neuen Jahres unter der Ueberschrift „Conservative Selbstkritik" eine Reihe von höchst veachtenswerthen Artikeln, die wohl als das Glaubensbekenntniß der neuconservativen Partei gelten können. Wenn es wahr ist, daß die Erkenntniß eigener Schwäche die erste und beste Boraussetzung zur eigenen Vollkommenheit ist, und daß große Völker, Parteien, Menschen vom Unglück am meisten, lernen, so ist der neuen Partei eine glückliche Zukunft zu weissagen.
Die „conservative Selbstkritik", welche das Preußische Volksblatt übt, beginnt mit der Klarstellung des Verhältnisses der konservativen Parteien zur Regierung. Als eine sehr verderbliche Illusion wird die von der Kreuzzeitung ausgegebene Parole bezeichnet, die Regierung habe mit der conservative» Partei gebrochen. „Die Negierung stellt sich, im Interesse des Staats, freundlich und wohlwollend zu allen praktisch politischen Parteien, welche staatsmöglich und regierungsfähig sind. Welche staatsfeindlichen Richtungen davon ausgeschlossen sind, liegt auf der Hand, — die Regierung rechnet gewiß nach wie vor auf die große conservative Partei im Lande" — welche, namentlich in den alten Provinzen, wohl mit Recht als die stärkste in Preußen bezeichnet wird — „und wünscht unzweifelhaft eine entsprechende Vertretung derselben im Landtag und Reichstag." Aber allerdings die Vertretung, welche den Conservativen in der letzten Zeit sowohl im Herrenhause als im Landtag — nicht im Reichstag — widerfahren, sei den Parteiinteressen wie der Regierung gleich nachtheilig gewesen und habe den heutigen Zustand geschaffen. Die hauptsächliche Erklärung, daß es soweit gekommen, liege in der natürlichen Trägheit und Arbeitsunlust, die bisher die conservative Partei ausgezeichnet, und ihre Mitglieder zu willenlosen Werkzeugen der wenigen arbeitenden und persönlich interessirten Führer der Partei gemacht habe, die sich seit v. Blan- kenburg's Rücktritt vom politischen Leben als Führer aufgeworfen hätten.
Von der Anmaßung. Selbstüberschätzung und Unfähigkeit dieser „aus- rangirten Bureaukraten, abgethanen Excellenzen, kaltgestellten Würdenträger, verunglückten Oberpräsidenten" u. s. w. wird ein liebliches Bild entworfen.