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Briefe aus der Aaiserstadt.
Berlin, 27. Dezember.
Zu keiner anderen Zeit mehr, als zur Weihnachtszeit pflegt Berlin ein recht fröhliches Gesicht zu haben. Diesmal wirkten verschiedene Ursachen zu' sammen. das sonnige Antlitz ein wenig zu verdüstern. Jene allgemeine Un- behaglichkeit, die sich infolge des „Krachs" über die Gemüther und über die Geldbeutel gelagert, sodann die in der vorletzten Woche eingetretene Hof- und Landestrauer hielten die lustigen Sinne gefangen. Und obendrein noch durchflog am Dienstag Morgen die Kunde von einer äußerst bedenklichen Verschlimmerung im Gesundheitszustände des Kaisers, die Stadt. Zahlreiche Gruppen versammelten sich vor dem Palais, mit banger Sorge nach den Fenstern des kaiserlichen Wohnzimmers blickend. Erst als am Nachmittag der allgeliebte Monarch sich selbst zeigte, ging die Menge beruhigt auseinander und die Stadt athmete auf, wie befreit von einem bösen Alp. In der That, der Tag gewährte einen Einblick in das innerste Gemüth der Berliner Bevölkerung. Diese ewig nörgelnde und witzelnde, in nicht geringem Grade frivole Gesellschaft — in jenem Augenblicke zeigte sie einen Ernst der Niedergeschlagenheit, eine Aufrichtigkeit der Theilnahme, wie sie bei dem monarchischsten Volke der Welt nicht rührender gedacht werden können. Und rührend war auch die allgemeine Freude, als der Ungrund der betrübenden Gerüchte offenbar ward. Doppelt gern ergab man sich nunmehr den Vergnügungen der festlichen Tage.
Der beste Theil dieser Vergnügungen ist geborgen in des Hauses heiliger Grenze; er entzieht sich dem Auge des Beobachters. Dennoch bleibt mehr als genug, was die Musen in dieser Zeit mit besonders freigebiger Hand allem Volk zu bieten wissen. Ein Blick auf die Anschlagsäulen überhebt mich des Beweises. Welch buntes Durcheinander von Theatern, Concerten und Bällen! Und wem der Abend nicht genügte, dem wurden am ersten und zweiten Feiertage sogar am hellen Mittag zwischen 11 und 1 Uhr in verschiedenen Concert- und Theaterlokalen musikalische und dramatische Genüsse geboten! Leicht begreift sich, daß nicht die ernste Kunst des Schauspiel- und des Opernhauses an diesen Tagen den Preis davon trägt; vielmehr fühlt sich die fröhliche Menge von dem Zauber lustiger Schwanke oder den Aufregungen des Circus angezogen. Die Posse zumal pflegt in der Weihnachtszeit ihre Glanzperiode zu feiern und vor allem ist es Helmerding's Wirkungsstätte, vor welcher allabendlich eine dichtgedrängte Schaar der zwerchfellerschütternden Scenen harrt. In dem Volksstück „Mein Leopold" von L'Arronge hat das Wallnertheater im Ganzen einen recht glücklichen Griff