Beitrag 
Pariser Briefe.
Seite
477
Einzelbild herunterladen
 

477

ner werden sich sträuben gegen den Entwurf, aber schwerlich mit besserem Er­folge, als er ihrem Ankämpfen gegen die Reaction bisher beschieden war. Ein rettender Balken nach den andern, an den sie sich angeklammert, geht zu Grunde, und es gehört wahrlich eine ganz eigene Sorte von Selbstver­trauen dazu, die Aussichten der Republik unwandelbar als hoffnungsvoll zu schildern. Der Dreißigerausschuß, welcher die zur Befestigung der Republik nothwendigen Gesetze vorberathen soll, ist bis auf wenige Mitglieder aus Mo­narchisten zusammengesetzt. Er hat seine Arbeit damit begonnen, daß er seine Aufgaben auf den Kopf stellte. Statt mit der Berathung der sog. kon­stitutionellen Gesetze den Anfang zu machen, hat er sich mit aller Macht auf das Wahlgesetz geworfen, in der Absicht, das allgemeine Wahlrecht zu be­schneiden; die konstitutionellen Gesetze sind einer Untercommission zumStu­dium" übergeben, d, h. g,cl og.IiZn6aZ Araeeas verschoben. Kurz, wir stehen vor dem verewigten Provisorium. Und leider auch vor den schlimmsten Fol­gen desselben. Handel und Wandel stocken mehr als je. Schon hat der Minister des Innern eine Unterstützung von 40,000 Frcs. für das darbende Proletariat der Hauptstadt gefordert. In der That, es sind alle Aussichten vorhanden, daß die Regierung Mac Mahon's dereinst als die Aera der sieben mageren Jahre in der Geschichte verzeichnet stehen wird.

Briefe aus der Kaiserstadt.

Berlin, 14. Dezember.

An dem Tempel, aus dem ich eben zurückkehre, sind die Hände der Menschen noch in voller Arbeit begriffen. Ich meine > den Neubau von Sachse'sInternationalem Kunstsalon". Ein nothdürftig hergerich­tetes, bei Weitem nicht hinreichend tiefes Zimmer ist zur Aufstellung von Hans Makart's kolossalem GemäldeCaterina Cornaro in Venedig" schwerlich ein sonderlich geeigneter Ort. Indeß, wir müssen .schon dankbar sein, daß uns dies Paradestück der Wiener Ausstellung hier überhaupt vor­geführt wird. Und in der That, die Zahl der Beschauer beweist, wie wenig die Berliner es an dieser Dankbarkeit fehlen lassen. Unablässig strömen sie herzu, und ihr Urtheil eitel Lob und Bewunderung.

Nicht ganz mit Unrecht. Das Bild enthält eine Mannigfaltigkeit. und vor Allem eine Kraft des Colerits, wie sie in solchem Maße nur selten ge- sehen wurden. Man tritt an Makart'sche Schöpfungen mit großen Erwar­tungen in dieser Richtung heran; trotzdem ist man hier im ersten Augenblick wie betäubt von der Gewalt der Farbenpracht, wie von der Großartigkeit der Combination. Aber das coloristische Moment macht auch die ganze Be­deutung des Bildes. Wir sehen ein historisches Gemälde vor uns, aber ohne