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Weltausstellungsbericht : 8. Die nationale Hausindustrie.
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jene Bauern, alten Traditionen folgend, anwenden, eine Anzahl neuere, künstlerisch behandelte Gefäße gefertigt und hier ausgestellt. Dieselben sind den besten Arbeiten der Renaissance sehr ähnlich und erfreuen sich des Bei­falls aller Kenner.

Auch an verschiedenen Orten Deutschlands findet man beachtenswerte Töpferarbeiten, welche der Ausbildung sehr wohl fähig sind. Die Gewerbe- Museen zu Wien und Berlin interessiren sich lebhaft dafür und haben auch günstige Resultate erzielt.

Sehr bedeutend ist der Einfluß der aus alter Zeit überlieferten Formen und Technik auf die moderne Kunst-Industrie in Rußland. Während man in den andern Ländern bisher nur einzelne Beispiele solchen Einflusses anführen kann, hat in Rußland die neue, nationale Richtung dieses Ma­terials sich bemächtigt. Bis vor Kurzem war der vornehme Russe in allen Dingen des Luxus von Frankreich und Deutschland abhängig, hatte in dieser Beziehung fast gar keine Beziehungen zu seinem Vaterlande. Jetzt findet man dieses Verhältniß drückend und beschämend; man muß nun seinen eigenen Styl haben und geht dabei in natürlichster Weise auf die bei dem Volke aus alter Zeit erhaltenen Ueberlieferungen, auf die Kunst der Bauern, welche viele gesunde, der Ausbildung fähige Elemente hat, zurück, und sucht dasselbe für die Zwecke der Vornehmen in künstlerischer Weise auszubilden. Und in der That hat man in Webereien, Holzarbeiten und besonders in Silberarbeiten mit Email schon sehr Vortreffliches geleistet. Bau.

Ms Schwaben.

Ehe wir über die Verhandlungen der württembergischen Ständekammer, welche seit mehreren Wochen wieder in Stuttgart tagt, berichten, haben wir einige Thatsachen nachzutragen, welche nicht unerheblich dazu beigetragen ha­ben, die politische Situation im Lande zu klären. Seit zwei Monaten sind wir so glücklich, unsern bisherigen Minister der auswärtigen Angelegenheiten verloren zu haben. Herr von Mittnacht ist an seine Stelle getreten und ver­einigt jetzt in seiner Person die Verwaltung der Departements der Justiz, der auswärtigen Angelegenheiten und der Verkehrsanstalten. Seine Stellung nähert sich mehr und mehr derjenigen seines College» Hoffmann in Darmstadt. Sind auch die anderen Herren Minister noch nicht formell zu bloßen Ministe- rialdirectoren degradirt, so sind sie es doch bereits thatsächlich: und die damit

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