Wilhelm Jensen.
Vor wenig Jahren noch hätte der kundigste Literaturfreund Angesichts dieses Namens die halb unwillige, halb verwunderte Frage gethan: „Wer ist Wilhelm Jensen?" Heute weiß es fast jedes Kind. Wilhelm Jensen ist mode geworden. Sein Name steht gleichzeitig in einer ganzen Anzahl Zeitschriften unter dem Titel der Hauptnovelle oder des leitenden Romans des Blattes. Eine Reihe von Bänden aus dem Verlag der Gebr. Paetel in Berlin und A. Hildebrands in Schwerin (Mekl.) bietet uns in Buchform die Erzeugnisse seiner Muse. Was er schreibt und geschrieben hat, darf also bei den meisten als bekannt vorausgesetzt werden. Aber um so berechtigter erhebt sich heute im Tone des lebhaftesten Interesses und herzlicher Sympathie wieder die Frage: wer ist Wilhelm Jensen?
Wilhelm Jensen ist zunächst — geboren am IS. Februar 1837 zu Heiligenhafen, einem Städtchen am Fehmaraner Sund in Wagrien, dem alten Wendenlande im Nordosten Holsteins. Das Jahr seiner Geburt ist das Jahr der heldenhaften That der Göttinger Sieben, und Dahlmann der Führer dieser gefeierten Männer, war ein Landsmann unserers Dichters — und wie dieser damals von rechtswegen Unterthan Sr. Maj. des Königs von Dänemark, wenn er auch so wenig als Wilhelm Jensen Gebrauch davon machte. Seine Erziehung genoß Jensen in Kiel, und besuchte dort und später in Lübeck das Gymnasium. — Aus der Biographie La Fontaine's, die wir in den höheren französischen Unterrichtsklaffen zu hören bekamen, ist uns immer der Satz unvergeßlich geblieben: II sv üt marior. Er ließ sich verheirathen. Das that in Frankreich einer der ersten Geister seiner Zeit, ja Wohl seiner Nation. Wir wir unten sehen werden, bewahrte sich in diesem Fache Jensen seine germanische Willensfreiheit durchaus. Aber wir irren Wohl nicht, wenn wir muwtis mutanäis sagen: er ließ sich Medicin studiren. Die Parallele ist schon zulässig. Unsern Musensöhnen ist die Wahl der Fa- eultät mindestens eine so ernste Sache, als dem Franzosen die Heirath. Und einer unser gefeiertsten Germanisten hat uns oft mit Rührung versichert, das Wechselrecht sei seine erste Liebe gewesen. Wenn die Medicin nun wirk-
Grenzböten IV. 1873. 41