König Johann von Sachsen.
Weit hinaus über die Grenzen Sachsens erregt die Trauerkunde von dem Hinscheiden des Königs Johann von Sachsen innigste Theilnahme. Weit hinaus über die Grenzen offiziellen Beileids reicht das wehmüthige Mitgefühl an diesem königlichen Sterbelager. Denn nicht nur ein deutscher König ist in dem Verewigten von uns genommen, der den höchsten Beruf, der Menschen zu Theil wird, allezeit hoch und heilig gehalten und im strengsten Sinne treu erfüllt hat. Auch in allen bürgerlichen Tugenden und Pflichten, in dem hohen Streben nach wissenschaftlicher Erkenntniß, in der. humanen Würdigung und freigebigen Förderung der Kunst, und vor Allem in der aufopferndsten und ehrlichsten Anerkennung der neuen Anforderungen und Bedürfnisse einer auf allen Gebieten des öffentlichen und wirthschaftlichen Lebens gewaltig gährenden Zeit darf der Heimgegangene König Allen Vorbild genannt werden.
Welcher Abstand liegt zwischen dem ersten Jahre unsres Jahrhunderts, da dieses reiche Leben seinen Anfang nahm und dem Tage, da es endigte! Kaum waren jemals drei Generationen durch eine größere Kluft von einander geschieden, als wir von unseren Großvätern. Fast die gesammte Entwicklung der modernen Welt liegt in diesen zweiundsiebenzig Jahren. Als dem Churhause Sachsen Prinz Johann am 12. December 1801 geboren wird, ist Deutschland ein geographischer Begriff; fünf Jahre darauf wird der letzte Rest des Reichsverbandes auch dem Namen nach gelöst; keineswegs fern liegen den Dresdner Politikern die polnischen Reminiscenzen und der Appetit nach Preußischen Provinzen; man erlangt die Königswürde von Napoleon's Gnaden; der junge Prinz muß als Knabe zum ersten Male fliehen, weil der deutsche Nationalgeist sich übermächtig gegen den fränkischen Eroberer und > seine Bundesgenossen im „Rheinbund" erhoben hatte. In welchen Traditionen ist damals der Prinz aufgewachsen! Welche Stimmungen gegen Preußen, welche Auffassungen der Freiheitskriege haben in seinen Jünglingsjahren Einfluß auf ihn versucht! Ja mehr als das: von welchen undeutschen Politischen Intriguen ist er, als er mit vierundzwanzig Jahren zuerst an den Sitzungen des Geheimen Finanzcollegiums Theil nahm, in Sachen des deut-
Grenzboten IV. 1873. 26