Z)ie AalertechniK und Aimstübung alter Meister.
Zweiter Artikel.
(Der Kreis der Kunstobjekte — allmählige Erweiterung — Preise — Bestellungen — Contraete — Verkehr mit dem kunstliebenden Publikum.)
Man hat im Laufe der, Zeit die Bedeutung der Kunst und ihren Einfluß auf den Culturzustand eines Geschlechtes ebensogut überschätzt wie unterschätzt. Das Schöne ist offenbar mehr als eine Form des Nützlichen, wie die Prosa des vorigen Jahrhunderts behauptet; aber auch nicht jenes Universal- bildungsmittel, wofür es heute nicht selten ausgegeben wird. Die Kunst hat ihre Domäne für sich; so wenig eine Blume mit Absichtlichkeit blüht und die Nachtigall tendenziös singt, so wenig will die Kunst etwas anderes als ein schlichtes, objectives Dasein. Freue sich ihrer, wer will und kann, das ist ihr Zweck, andere Absichten liegen ihr fern, oder sind doch nur mittelbar vorhanden.
Damit soll indessen nicht gesagt sein, als diene sie nicht bestimmten Zwecken, die in ihrer Natur liegen und ihren Charakter bestimmen; Portraits, Denkmale, Kirchenbauten, Gobelins — alles dies sind Werke der Kunst, die einem Zwecke dienen und diesem ihre Gestaltung verdanken. Ebensowenig soll der Einfluß geleugnet werden, den das kunstliebende Publikum auf die Kunstübung geltend macht, wie es selbst durch Bildung des Geschmackes vom Künstler beeinflußt wird. Gerade hier liegt eine jener com- plicirten Wechselwirkungen, welche bei Betrachtung geistiger Culturzustände sich oft bemerken lassen, und die das Auffinden der einflußreichen oder treibenden Faktoren so schwer machen. „Du meinst zu schieben und wirst geschoben"—dies gilt nicht allein von politischen Tendenzen, sondern von ganzen Zeitmeinungen, Geschmacksrichtungen u. s. w. Im Allgemeinen kann man wohl, was jenes Verhältniß zwischen Künstler und Publikum betrifft, sagen, daß in aufsteigenden Zeiten der Einfluß des Publikums, welches dem Künstler seine Aufgaben stellt, ein größerer ist. während vom Zeitpunkte der Reife an der Künstler die Spitze nimmt und sich sein Publikum für seine Virtuositäten, Manieren und selbst Absonderlichkeiten erzieht. Mit andern Worten: In jenen ersteren Zeiten bemüht sich der Künstler zu können, was man
Grmzbotcn IV. 1873. 2l