Beitrag 
Julian Schmidt´s Bilder aus dem geistigen Leben unsrer Zeit.
Seite
41
Einzelbild herunterladen
 

p

Julian Schmidt's Iilder aus dem geistigen Leben

unsrer Zeit.

Seitdem die Feuilletons unsrer großen Zeitungen zum Arbeitsfeld für die hervorragendsten Schriftsteller unsrer Nation geworden sind, ist der Wunsch immer allgemeiner geworden, daß die besten dieser Publicationenunterm Strich" durch Sonderabdruck ausgenommen werden möchten von dem uner­bittlichen Schicksal schneller Vergessenheit, das allem Inhalt der Tageszeitungen beschicken ist. Diesem Wunsche wird je länger je mehr Rechnung getragen. Romane und Novellen, Kritiken und Essays, wirthschaftliche, literarische und kulturpolitische Arbeiten, welche die Feuilletons unsrer Zeitungen zierten, grüßen uns häufig einige Zeit später in Buchform als alte liebe Bekannte. Nicht selten gibt der bis dahin unbekannte Vater erst dann dem Kinde sei­nen legitimen Namen, wenn es im losen Gewände des Journals soviel Glück gemacht hat, daß es nun als stattlicher Band auf dem Markte des deutschen Buchhandels wettwerbend auftreten kann. Wenn man die Novi­täten des Meßkatalogs darauf hin prüfen wollte, wie viel von dieser geistigen Arbeit bereits einmal in Zeitungen sein Publikum gefunden hatte, nicht der kleinste und unbedeutenste Theil unserer jährlichen schriftstellerischen Production würde in diese Kategorie einzureihen sein.

Im Grunde vollzieht sich auf diese Weise eine Correctur zahlreicher Miß­stände, an denen der deutsche Buchhandel mit vollem Bewußtsein krankt, ohne in sich selbst die Mittel und Kraft zur Heilung zu finden. Vor allem kann das Feuilleton unsrer Zeitungen Interessen gerecht werden, welche der heutige Tag, die heutige Stunde in den Vordergrund drängt, und die den­noch in späteren Zeiten noch ruhigere Aufmerksamkeit finden, weil sie aus dem unendlichen Meere der gemeinsamen Kultur und der Geschichtserfahrung der Menschheit geschöpft wurden. Tag und Stunde hat sie an die glänzend bewegte Oberfläche dieser Fluth getragen. Sie würden für immer verrauschen in der drängenden Fluth des Tages, wenn uns der Kenner nicht zur Stunde sagte, was sie bedeuten, von wannen sie kommen, wohin sie gehen. Der deutsche Buchhandel kann mit dieser lebhaften, immer wechselnden Fluth der Tagesinteressen unmöglich Schritt halten. In welcher Form sollte er es

Greuzboten IV. 1873, 6