Line politisch-ttterarische Jehoe im allen Mhen
von
Christian Muff.
Die alte attische Komödie, die reifste Frucht der ochlokratischen Bildung, wie sie ein Kenner treffend genannt hat, besaß in Folge dieses ihres Ursprungs eine so ausgedehnte Freiheit der Rede, wie sie sich zu keiner Zeit und bei keinem Volke wieder findet. Mit rücksichtslosester Offenheit und uner- bittlichster Kritik deckte sie alle Schäden des öffentlichen und des privaten Lebens auf, die ihr spähendes Auge nur immer erblickte; kein Stand, kein Alter, kein Geschlecht blieb von der beißenden Lauge ihres Spottes verschont; Staatsmänner und Feldherren, Dichter und Philosophen, ja selbst die armen Himmelsbewohner wurden in den tollen Zauberspuk ihrer phantastischen Gebilde hinein gerissen und dort erbarmungslos gemißhandelt. Ein Mittel, sich dieser Angriffe zu erwehren, gab es nicht. Zwar wird berichtet, daß man von Staatswegen wiederholt den Versuch machte, der Zügellosigkeit der dio- nysustrunkenen Dichtung Schranken zu setzen; aber es war alles vergeblich, und mit der Ausbildung der demokratischen, resp, ochlokratischen Verfassung wuchs auch der Freimuth, wuchs die Ungebundenheit der Komödie. Was hat sich nicht ein Perikles für entsetzliche Dinge sagen lassen müssen! Ebenso war der große Tragiker Euripides, den die Komödie ganz grausam zerfetzte, ihrer dämonischen Gewalt gegenüber völlig machtlos. Sokrates aber, der weise, edle Mann, der sich in einem Zerrbilde sonder Gleichen auf die Bühne gebracht sah, soll sich während der Vorstellung eben des Stückes, in dem er verspottet wurde, — es waren die berüchtigten Wolken. — von seinem Platze erhoben und sich dem Publikum gezeigt haben, um ihm so Gelegenheit zu geben, das Original und die Copie, Wahrheit und Dichtung mit einander zu vergleichen. Wenn diese Geschichte wahr wäre, was sie wahrscheinlich nicht ist. so bewiese Sokrates auch hier wieder die ihm eigenthümliche Geistesgröße und Erhabenheit der Gesinnung. Immerhin aber ersehen wir so viel aus dieser Anecdote. daß es nach Ansicht der Alten das Gerathenste war. das theatralische Unwetter geduldig über sich ergehen zu lassen.
Gmizlwtcn 187», II. 41