Ueber Uatiomlerziehung.
Es ist ein bekanntes geflügeltes Wort, 1866 habe der preußische Schulmeister den österreichischen geschlagen; nicht ohne alles Recht hätte man in den letztverflossenen Jahren diesen Triumph weiter ausdehnen können und den deutsch en Schulmeister auch über den französischen haben siegen lassen. Aber das allgemeine Bewußtsein hat das Sachverhältniß schärfer und treffender angegeben durch Formeln, von denen vielleicht keine bezeichnender ist als die, auf welche sie alle hinauslaufen: Kants kategorischer Imperativ hat über die französische Leichtfertigkeit gesiegt. Gleichviel von wem und in welcher Form dieser Gedanke zuerst ausgesprochen sein mag, ausgesprochen ist er vielfach, und richtig ist er auch. Anders spiegelt sich die Pflicht ab im Bewußtsein des hochgebildeten Mannes anders in dem Gefühl des einfachen Soldaten aus dem Volke, aber beide haben im letzten Kriege in der schönsten Weise gezeigt, wie in ihnen der Pflichtbegriff so gewaltig, so mächtig war, daß die Möglichkeit einer Verletzung desselben ihnen gar nicht in den Sinn kam. Abgesehn von der Gefahr für Leben und Gesundheit, die jedem Krieger drohte, durften nur sehr wenige im Falle glücklichen Davonkommens auf irgend welche Vortheile rechnen, — und M diesen Wenigen ist sicherlich der Gedanke an die Möglichkeit solchen Vortheils sehr in den Hintergrund getreten — wol aber wurden sehr viele aus angenehmen und behaglichen, oder doch durch Gewöhnung lieb gewordenen Verhältnissen gerissen, und genöthigt, frohe Hoffnungen, eifrige Bestrebungen, Alles, wodurch sie einst sich geltend zu machen hoffen durften, einstweilen, vielleicht für immer aufzugeben und als bloße Eins in Reih und Glied zu treten, jeden Augenblick gewärtigt, vom Schicksal für das Gedeihen des Ganzen in Zahlung genommen zu werden. Freudig und ohne Murren vorwärts zu gehen, bis ins Kleinste den Kriegerpflichten zu genügen, das bewundern wir mit Recht schon an dem Berufssoldaten, mit dessen Lebenszweck solche Opferwilligkeit und Opserfreudigkeit von vornherein
') Aus einer Rede, zm Feier des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers und Königs 1873 gehalten, von Professor Dr. Gustav Wagner, Direktor des Kgl. Friedrichs-Collegiums zu Königsberg Pr.
Grenzboten 1873. II, 3 t