Lin Hebet Beethovens.
Neue Mittheilungen aus seinem späteren Leben. Von Prof. Ludwig Nohl.
Es muß bei all den Leiden und Widerwärtigkeiten in Beethovens Leben in der That als ein Glück bezeichnet werden, daß ihm immer wieder von außen die kräftigsten Antriebe zu einem bedeutenden Schaffen kamen, die seiner eigenen Neigung neue Richtung und Haltung gaben. Dies war ihm denn zugleich stets wieder neuer Impuls zum Sein und Leben, das er sonst melancholischer Weise „gern verlöhre." Denn was hatte er sonst von seinem Leben, zumal in Wien! Wenigstens sehnt er sich am 15. Februar 1816 gar sehr nach den „unvergeßlichsten Stunden" mit seinen Frankfurter Freunden Franz und Antonie Brentano und meint sogar: „wo wäre etwas dergleichen hier in unserm Wien zu finden; ich gehe daher auch beinahe nirgends hin, da es mir von jeher nicht möglich war mit Menschen umzugehen, wo nicht ein gewisser Austausch der Ideen stattfindet." Das scheint allerdings damals für Beethoven dort nur durch das Mittel der Töne möglich gewesen zu sein. In der künstlerischen Thätigkeit aber, im Umgang mit seiner hehren Muse entfaltet sich sein wahres Sein, und „sosehr mir für meine Thätigkeit Gesundheit äußerst nothwendig, wird sie durch selbe auch wieder befördert," schreibt er selbst einmal später (10. März 1823) ebenfalls an Franz Brentano nach Frankfurt a. M., den Bruder der bekannten Bettina.
Also wenn auch die Composition eines Requiems nur eine allerdings stets gehegte Absicht und das Oratorium für die Gesellschaft der Musik-- freunde in Wien blos ein schöner Wunsch blieb, der wie ganz richtig geurtheilt worden ist, in die Neunte Symphonie und die große Messe gleichsam aufgegangen ist, so steht uns doch dieses erstere Werk schon jetzt in seinem Plan und Wollen bestimmt da, uns und dem Meister ein fester Halt und schön leuchtender Vorgrund eines Daseins, in dessen Hintergrunde so häßlich krüppelhafte und verkommene Gestalten und Erscheinungen sich bewegen: Er wußte, wofür er zu leben und das Dasein zu ertragen hatte und wußte also auch fürder zu leben und zu ertragen. Ja sogar volle Frische GrenMm II. 1873. 6