Kruse's Woritz von Sachsen.
Die historischen Dramen, mit denen in den letzten Jahren Heinrich Kruse uns beschenkt hat — die Gräfin, König Erich, Wullenwever — sind von allen Seiten freudig aufgenommen worden und verdienen auch wirklich herzlichen Willkommenruf. Jetzt eben ist die Reihe seiner Geisteskinder noch um eines vermehrt worden, Moritz von Sachsen, eine den älteren Geschwistern ebenbürtige Schöpfung.
Historische Dramen sind es, die Kruse uns bietet. Aus der Quelle der Geschichte schöpft der Dichter seinen Stoff; und gerade jene Periode scheint ihn am stärksten zu locken, welche die Geburtsstätte der Neuzeit genannt werden kann. Und mit dem historischen Sinne, wie er dem politischen Tagesschriftsteller eigentlich immer eigen fein sollte, hat er die Zeit und die Personen erfaßt, denen seine Dichtung sich gewidmet. Die Dramen Kruse's — das wird jeder Leser sofort empfinden, — sind nicht freie Erfindungen dichterischer Laune und Phantasie, denen ein beliebiger historischer Mantel umgeworfen ist, nein, sie sind aus historischen Studien erwachsen, sie athmen und leben historischen Geist und historisches Leben. Ich möchte das Wort wagen, je vertrauter der Leser mit der Geschichte der betreffenden Periode ist, desto größer wird sein Genuß sein: ganz und voll erschließt sich am leichtesten dies poetische Werk dem, den eigene Specialstudien auf jenem Gebiete haben umherwandeln lassen. Darin liegt auch die Rechtfertigung des Versuches, den ich hier unternehme, nicht ein ästhetischer Fachkritiker über dramatische oder schöne Literatur, sondern vielmehr vom Standpunkte des Historikers aus über das Werk Kruse's ein paar Bemerkungen zu machen.
Man könnte wohl einmal die Frage aufwerfen, wie hat sich der Dichter eines historischen Romanes oder eines historischen Dramas gegenüber der wirklichen Geschichte zu verhalten? Wie weit bindet der geschichtliche Stoff seine Phantasie oder seine Erfindung? Welches sind die Chancen, die der Freiheit dichterischen Schaffens durch die Wahl des historischen Themas gestellt sind?
Das wird zunächst wohl als nicht zweifelhaft ausgesprochen werden dürfen, daß es für den Dichter auf beglaubigte Nichtigkeit des überlieferten De- Grenzbotm 1873. I. 6