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?om preußischen Landtag.
Berlin, 24. November 1872.
Die Sitzungen dieser Woche, welche nur das Abgeordnetenhaus gehalten hat, sind vorzugsweise der ersten und zweiten Lesung der neuen Kreisordnungsvorlage gewidmet gewesen. Den Unterschied dieser Vorlage von dem in der vorjährigen bis in dieses Frühjahr sich erstreckenden Session vereinbarten Entwurf habe ich im vorigen Brief angegeben. Das Resultat der dies- wöchentlichen beiden Lesungen ist die unveränderte Annahme der neuen Vorlage durch das Abgeordnetenhaus. An der letzten Bestätigung dieser Annahme bei der dritten Lesung besteht kein Zweifel.*) So ist denn die Regierung in der Lage, mit dem nothwendigen Pairsschub vorzugehen, dessen Veröffentlichung in den nächsten Tagen erwartet wird. Es besteht sogar eine gewisse Nothwendigkeit, mit den neuen Pairsernennungen nicht länger zurückzuhalten. Wollte nämlich die Regierung mit diesen Ernennungen etwa warten, bis die Kreisordnung bei den Abgeordneten entgültig genehmigt und von dort zu den Herren gelangt ist, so könnte die bisherige Majorität hier eine Commission ihrer Parteigenossen wählen, welche möglicherweise mit der Berichterstattung über die Vorlage niemals zu Stande käme. Die Befürchtung entspricht der kleinlichen Taktik der Majorität des Herrenhauses, welche der Kreisordnungsvorlage gegenüber einmal versucht wurde.
Man spricht davon, daß die neuen Herren überwiegend höhere Staatsbeamte sein werden, wie es vollkommen der Sachlage entspricht. Denn noch mehr als die Annahme der Kreisordnung ist die Aufgabe der neuen Herren, wie schon mehrmals hervorgehoben wurde, die Reformen der Staatskörperschaften, insonderheit des Herrenhauses selbst, auf Grund einer von der Regierung zu ergreifenden Initiative, Zu dieser Reform bedarf die Regierung Männer, auf die sie als Mitarbeiter schon länger zu zählen gewohnt ist, welche die Resignation besitzen, einer vorübergehenden aber darum nicht minder verantwortlichen Aufgabe sich zu unterziehen, welche endlich den Standpunkt der Staatsaufgabe einzunehmen wissen ohne Beirrung durch gesellschaftliche Interessen.
Es hat vielfach Aufmerksamkeit erregt, daß der Reichskanzler und Ministerpräsident, dessen Abwesenheit bei der ersten voraussichtlich vergeblichen Berathung der Kreisordnung im Herrenhause man nachträglich so klug geworden ist, erklärlich zu finden, nicht bei der jetzigen Berathung, wo es sich um die Durchbringung des Gesetzes mit allen Mitteln der Versassung handelt, erschienen ist. Aber was sollte den leidenden Ministerpräsidenten hierzu bewegen? Er hat oft genug bewiesen, daß er seine angegriffene Gesundheit den Forderungen seines Amtes nur zu sehr nachsetzt. Aber im Augenblick liegt
") Die Kreisordnung ist seither in dritter Lesung gegen die Stimmen der Polen, Ultramon- tanen und einiger Feudalen angenommen worden. D. Red.