Schleiermacher's Kritik der Derfassungssyfteme in der evangelischen Kirche.
Von
Professor H. Jacoby.
Die Urtheile eines Mannes wie Schleiermacher über kirchliche und theologische Fragen fordern auch gegenwärtig noch ernste Beachtung und Erwägung, zumal die Ausgestaltung der Verfassung der evangelischen Kirche eine der brennendsten Fragen ist, welche von der Gegenwart eine befriedigende Lösung erwarten. Hierbei wollen wir nicht ein Bild der Thätigkeit geben, durch welche Schleiermacher in die Arbeiten zur Herstellung einer Verfassung der evangelischen Kirche Preußens eingegriffen hat, so anziehend dieser Gegenstand auch sein müßte. Würde er doch einen Blick zulassen in die allmähliche Bildung der gegenwärtig giltigen kirchlichen Ordnung, würde er uns doch gestatten, von neuem die Größe des Mannes zu bewundern, der sich nicht darauf beschränkte, für die Erkenntniß des christlichen Glaubensgehaltes neue Bahnen zu eröffnen, sondern der zugleich mit warmem Herzen, mit männlicher Entschiedenheit seine Kraft einsetzte, für die Kirche seines Vaterlandes die würdigsten und heilbringendsten Zustände zu schaffen. Aber dennoch verzichte ich gegenwärtig auf diese Darstellung, weil sie verhindern würde, ein geschlossenes Bild der Gedanken Schleiermacher's über unseren Gegenstand zu zeichnen. Wir sind in sehr ungünstiger Lage, wenn wir die Quellen aufsuchen, aus denen wir unsere Kenntniß zu schöpfen haben. Denn außer einigen werthvollen, aber zerstreuten und vereinzelten Bemerkungen in kleineren Gelegenheitsschriften Schleiermacher's, welche die einzelnen Stadien der damaligen kirchlichen Neubildung ihm abdrängen, besitzen wir in der von Frerichs 18S0 aus seinem Nachlasse und seinen Vorlesungen herausgegebenen praktischen Theologie eine zusammenhängende Entwicklung seiner Gedanken über unser Thema.*) Diese werde ich zu Grunde legen, durch Rücksicht auf jene kleineren Schriften ergänzen und schließlich durch den Entwurf einer Kirchen-
"1 S. S21-S55, 6V4-K78. VW 7»4. Grenzvoten III. 1872.
01