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ständigen Politik gegenüber dem Reich erforderliche Energie nicht zu. Dagegen schien bisher die Ständekammer für unsere seit 1866 in dieser Richtung ganz parlamentarische Regierung einen werthvollen Rückhalt zu bieten. Die Unzufriedenen waren, im Bund mit den Ultramontanen und der Volkspartei, der Ständekammer soweit leidlich sicher, um jeden Augenblick wieder mit dem Reich Berstecken spielen zu können. Diesem Spiel drohte plötzlich der Untergang, wenn die Regierung fernerhin für berechtigt erklärt wurde, ohne Einwilligung der Ständekammer ihre Stimme im Bundesrath giltig für die Erweiterung der Competenz des Reichs abzugeben. Oesterlen, namentlich aber sein Genosse Probst, der schwäbische Ableger der Fraction Windthorst, waren, als sie ihren Antrag stellten, über jene Mißstimmung in den Regierungskreisen genau vrientirt und konnten damals ganz wohl auf eine Majorität für ihren Antrag rechnen. In unserer unter dem Eindrucke der deutschen Siege gewählten Ständekammer verfügt nämlich bei 90 anwesenden Mitgliedern die klerikale und volksparteiliche Coalition über etwa 25 Stimmen, während die unbedingte Hof- und Regierungspartei (eine conservative Partei im principiellen Sinn gibt es nicht) über 16—20 sichere Stimmen verfügt. Der Führer der letzteren ist der Oberbürgermeister v. Sick zu Stuttgart, der Liebling des Hofs, die Personification der Residenzinteressen, Gesammt- minister in xartiduK, der Mann, dem alle diejenigen sich anschließen, welchen die Haltung des Ministeriums noch kein genügender Beweis für die in den obersten Kreisen herrschende Strömung erscheint. Dabei bemerken wir noch, daß in sämmtlichen 4 Nachwahlen, welche während der letzten Monate stattgefunden haben, ausschließlich Ultramontane gewählt worden sind, in den beiden letzten Fällen sogar in Bezirken mit vorherrschend protestantischer Bevölkerung, indem der ganze Regierungsapparat für die katholischen Candidaten aufgeboten wurde. Angesichts dieser bis in die letzten Wochen vorherrschenden nicht übermäßig reichsfreundlichen Strömung bedürfte es blos einer passenden Formel, um für den Antrag Oesterlen-Probst die Hilfe der Hof- und Regierungspartei und damit der rheinvündlenschen Coalition die Mehrheit zu sichern. In der That wurde denn auch von Sick und 16 seiner Genossen ein Vermittlungsantrag eingebracht, welcher sich von dem demokratisch-ultramontanen nur dadurch unterschied, daß er zwar nicht die vorgängige Einholung des ständischen Consenses für wesentlich erklärte, Wohl aber eine nachträgliche formelle Verantwortlichkeit gegenüber der Ständekammer statuirte. Die nationale Partei hatte dagegen sofort den Oesterlen'schen Antrag benützt, um in einer motivirten Tagesordnung den Standpunkt der Reichsgewalt auch formell zur Anerkennung zu bringen.
Dem politischen Scharfblick des Herrn von Mittnacht entging nicht, um was es sich bei dieser Sachlage handelte: auch ermuthigten ihn die Auftritte
Gnnzboten I. 1872. SO