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Berliner Briefe.
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kommt. Ein politisch wirksames Parlament (d. h. der Reichstag, nicht die preußischen Kammern, welche sich in seltsamen Illusionen wiegen); eine Regierung, die im wesentlichen mit diesem übereinstimmt, große nationale Gedanken das sind die Grundbedingungen, wenn die Selbstverwaltung in Stadt und Kreis zu Dem werden soll, was man von ihr erwarten kann.

o. ^V.

Gabriel Messer.*)

In der Frankfurter Versammlung 1848 und 1849 hat unter den ange­sehensten Persönlichkeiten der nationalen Parteien der hamburgische Jude Gabriel Riesser eine Stelle behauptet, ein reichbegabter, bescheidener, zuver­sichtlich patriotischer, überzeugend liebenswürdiger Mann, wie er in den Brustbildern aus der Paulskirche" uns gezeichnet wird. Als Schriftsteller war er zuerst bekannt geworden; und so haben seine Freunde und Verehrer 1867 seinegesammelten Schriften" mit einer biographischen Einleitung noch einmal zusammengedruckt. Jedoch ist diese Sammlung nicht zum Gemeingut des Gesammtpublikums gemacht worden; heute aber, da das Ziel, dem Riesser zugestrebt hatte, erreicht ist, heute glaubt der Verfasser jener für die Freunde zunächst bestimmten Lebensskizze sie auch weiteren Kreisen bieten zu sollen. Man kann sich dessen nur freuen, wenn auch die Bemerkung nicht unterlassen werden darf, daß die Spuren jener früheren engeren Bestimmung des Buches recht wohl von dem Leser heute empfunden werden. Sehr viele Familienge­schichten, sehr viele Briefmittheilungen sind hier gegeben, welche dem Publikum außerhalb der Freundeskreise kaum ein Interesse abgewinnen und auch vielleicht bisweilen besser nicht vor die große Oeffentlichkeit gebracht wären. Zu weit geht in unseren Tagen die Neigung, von Menschen, die irgendwo einmal an die Oeffentlichkeit getreten und irgend einmal, vielleicht nur vorübergehend die Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben, deshalb nun alle Privatverhältnisse und alle Einzelheiten ihrer Lebensgeschichte zu erzählen. Nur bei solchen Menschen, welche bestimmend in die Geschichte ihrer Zeit eingegriffen haben, rechtfertigt sich eine so eingehende Biographie. Man halte uns nicht P ert h e s' Leben entgegen, oder Dahlmann's oder Niebuhr's oder Mathy's: das sind doch ganz andere Verhältnisse, ganz andere Menschen, als Gelehrte

") Gabriel Riesser's Leben nebst Mittheilungen aus seinen Briefen von Dr. W. Jsler mit Riesser's Porträt. Zweite unveränderte Ausgabe. Frankfurt und Leipzig, 187l.