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Von Florenz nach Rom : Briefe aus Italien : I. Arezzo.
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Won Ilorenz nach Aom.

Briefe aus Italien von Dr. Hans Semper. I. Arezzo.

Rom, den 18. Mai 1871.

Ich verließ Florenz bereits zu Ende November vorigen Jahres. Es war wohl einer der letzten schönen Herbsttage, der mir beim Abschied noch einmal die liebliche und heimathliche Heiterkeit der olivenbewachsenen und villenge­krönten Hügel und der malerisch gruppirten Stadt selbst so recht deutlich vor das Auge führte. Dennoch war der Abschied nicht schwermüthig, ging es doch nach Süden. Und für den Verlust der Domkuppel tröstete die Hoffnung auf die Peterskuppel. Reich an entzückenden Blicken auf die Thäler und Berge des Casentino sauste der Zug dem schimmernden Arno entlang dahin, der von Zeit zu Zeit einen tobenden Bergstrom aus einem lachenden Quer- thale empfing. Bis kurz vor Arezzo fuhren wir dem Arnofluß entgegen, dann bogen wir rechts ab in die Maremmen des Chianathales, an dessen Ausgang Arezzo liegt. Wenn bisher Hügel und Thal von Wein, Oel, Villen und Cypressen prangten, so sahen wir uns auf einmal in einer Ebene von abenteuerlich geformtem, lockerem Erdreich, theils Ackerboden, theils Vieh­weide. Am Horizont nur zogen sich zu beiden Seiten Berge hin, zumal gegen Norden die imposanten Rücken des Appennin. Arezzo selbst hat eine der schönsten Lagen für Landstädte, die ich je gesehen. Dicht an der Eisen­bahn und an der Thalsohle, also dem bequemsten Verkehr offen, lehnt es sich in schönster flach-pyramidaler, zugleich malerischer und symmetrischer Gruppi- rung an die Vorberge der Appenninen an, in der Mitte beherrscht von dem erhöht gelegenen Dom mit seinem Glockenthurm. Auch scheint das Städtchen, das beiläufig 11,000 Einwohner umfaßt, im Aufschwung begriffen zu sein; wenigstens ist zunächst der Eisenbahn eine ganze Vorstadt von Baracken niedergerissen worden, um eine luxuriös angelegte, breite Straße in das Herz der Stadt, den Marktplatz zu führen. Die neuen Wohngebäude, welche die neue Straße umgeben sollen, sind allerdings erst in den Fundamenten ange­legt, so daß sie kein Urtheil über den architektonischen Geschmack der heutigen Aretiner zulassen. Jedenfalls aber erhält man sofort den Eindruck, daß Arezzo eine toskanische Landstadt ist, d.h. daß sie nicht zu jenem Kreis von malerisch

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