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Wahrnehmungen auf einem Liebesgabentransport.
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Wahrnehmungen auf einem Liebesgabentransport.

Halle a./S., Anfang December. Schon zweimal hatte einer unserer Mitbürger, Fabrikbesitzer R., seinen echten Patriotismus nicht nur dadurch bekundet, daß er in großartigem Maß­stabe aus eigenen Mitteln Liebesgaben, besonders warme Kleidung (wollene Strümpfe, Hemden, Decken u. f. w.) für unsere Krieger draußen beschaffte, nein, er war auch vornehmlich darum bemüht, diese Wohlthaten in die rechten Hände gelangen zu lassen. Zu diesem Zwecke hatte er beide Transporte selber begleitet und an Ort und Stelle, in Metz, selbst vertheilt. Schreiber dieser Zeilen begleitete ihn, als er zum dritten Male einen mit Gaben beladenen Waggon an dasselbe Ziel führte, wo unsere Truppen ja der Hülse besonders bedurften. Er glaubt, daß einige sachliche auf diesem Ausfluge gesammelte Wahrnehmungen den Lesern d. Bl. willkommen sein dürsten, sollten sie auch nicht sonderlich Neues enthalten.

Auf der Fahrt nach Frankfurt befanden sich im Zuge gegen 800 Mann von den verschiedensten Truppentheilen, die von ihren Wunden geheilt weiteren Kämpfen und Gefahren entgegengingen. Obwohl so mancher an­gesichts der rauhen Jahreszeit keineswegs mit genügender warmer Kleidung versehen war, that das doch ihrem Muth und ihrer Begeisterung nicht Ein­trag. Den ganzen Tag über erklangen aus den Wagen Kriegs- und Ab­schiedslieder, oder wurden derbe Soldatenwitze mit schallendem Gelächter be­antwortet. Trotzdem der Zug als „durchgehender Eilzug" bezeichnet war, traf er doch erst 5 Stunden zu spät, um Uhr Abends, in Frankfurt ein, wo nur nach vielen und ganz besonderen Bemühungen die Ueberführung der Liebesgaben nach dem Main-Neckarbahnhof und von da erst nach drei­stündigem Hin- und Herlausen und Wortwechsel mit den Beamten die Weiter­fahrt nach Mannheim erreicht ward. Hier gab es anderen Tages neue Ge­duldproben. In Folge der langersehnten Uebergabe von Metz füllten Trans­portzüge mit französischen Gefangenen und Güterzüge mit Armeelieferungen den Bahnhof an, es fehlte an Locomotiven und noch dazu war unser Militärzug von Frankfurt aus — wie der Mannheimer Bahnhossinspector behauptete, aus Versehen! — gar nicht angemeldet worden. Vergebens bot der den Zug befehligend Offizier Bitten und Drohungen auf, um die Weiterbeförderung durchzusetzen. Auf dem Bahnhofe stand eine Abtheilung französischer Gefangener von so erbärmlichem Aussehen, daß unsere reconvalescenten Mannschaften mitleidig ihre Brotbeutel leerten und mit dem Feinde theilten; ja mancher griff selbst in die spärlich gefüllte Tasche, um für die Verhungerten Brot, Wurst und Bier zu kaufen. Schon hier machte übrigens Schreiber dieser Zeilen die Er- Grmzboten IV. 1870. S9