Beitrag 
Zum Beethoventage.
Seite
441
Einzelbild herunterladen
 

Zum Geethovcntage.

Ueber hundert Jahre wollen wir uns einmal wiedersprechen!" So pflegt man wohl scherzend zu sagen, wenn der friedliche Zwist der Meinun­gen über Werth oder Unwerth eines Mannes, einer Begebenheit oder eines Lehrsatzes im Laufe der Unterhaltung auf einen Punkt gediehen ist, wo sich der Blick über den Rand der wirklichen Gegenwart hinaus in die unabseh. bare Weite zukünftiger Möglichkeit verliert. Wir einzelnen Menschen sprechen uns leider über hundert Jahre nicht wieder, aber Söhne und Enkel lösen gern das Wort der Väter und Ahnen ein. Da ist denn kaum ein Streit mehr unter ihnen; die überängstlichen Zweifel sind längst widerlegt, die all­zukühnen Hoffnungen haben sich selber zerschlagen, die Wasser des Tagesge­rüchtes und -geredes sind abgelaufen mit ihren Wirbeln und Blasen, der feste Bod/n ist erschienen. der Boden des historischen Urtheils. Das ist der tiefe Sinn, die geistige Bedeutung aller Gedenktage; aber auch die Menschheit lebt nicht von Gedanken allein, sie kann sich nicht fühllos erinnern, sie freut sich ihres eignen Ruhmes, sie wünscht sich Glück zu ihren Kindern, sie macht ihren Kirchgang, möchte man sagen, gleich den jungen Müttern des Südens, um in heiterer Frömmigkeit zu danken für das geistdurchwehte Leben, das nach den freundlichen Gesetzen der Natur aus ihrem Schooße ans Licht gekommen ist. So werden die Gedenktage zu Tagen des Jubels; da erscheinen selbst die Worte der feiernden Menschen in festlichem Gepränge, den Glanz der Schaustellungen und die Pracht der Töne ruft man zu Hilfe, und wie denn der lebendige Mensch gern jeglichem seiner Sinne bisweilen einen guten Tag gönnt, darf es am Ende auch an Schmausereien und Trink­gelagen nicht fehlen. Heute nun möchte man das alles am liebsten missen, alles außer dem einen, man möchte den Rednern zuwinken zu schweigen, man möchte die Augen schließen und nur lauschen auf das eigene klangvolle Zeugniß des Genius, ohne anderen Wunsch, als daß die Kraft zu solchen Schöpfungen doch nie wieder wäre von uns genommen worden.

Aber sie ist nun einmal dahin, diese Kraft; so vielseitig und rühmens­werth auch das Streben der Nachfolger erscheinen mag, doch kann sich heut, nachdem mehr als eine Generation darüber weggestorben ist, kein Aufrich­tiger länger verbergen, daß mit Beethoven's Tode ein noch tieferer Riß durch die Geschichte seiner Kunst gegangen ist, als selbst beim Hervortreten seines mächtig umwälzenden Geistes, daß er an der Grenze von zweien ihrer Zeit­alter gestanden, das classische schließend und krönend, das epigonische noch von jenseits gewaltig überschattend. Gerade diese seine einzige Stellung for­dert das ernste Nachdenken derer heraus, die sich gewöhnt haben, im geschieht- lichen Verlauf auch der Welt der Geistesschöpfungen nicht das Launenspiel Grcnzboten IV. 187«. 56