Thormaldsen und die neuere MdnerKunfl.
Inmitten dieser kriegerischen Tage ward uns das friedliche Andenken eines großen Künstlers wachgerufen; es waren am 19. November hundert Jahre, daß Thorwaldsen geboren wurde, der Begründer der modernen Plastik. Wir in Deutschland haben ein besonderes Recht, des dänischen Meisters mit Ruhm zu gedenken, wir dürfen ihn in gewissem Sinne den unseren nennen. Seine Kunst hatte mit der Geschichte unserer neuern Cultur einen nahen Zusammenhang, sie empfing von dem Geiste unserer classischen Epoche maßgebende Einflüsse, die Lehre Winckelmann's, die eigentliche Quelle der Classi- cität dieses Zeitalters, wurde in Thorwaldsens Werken mit schöpferischer Kraft lebendig. Die Heimath des Künstlers, Dänemark, entbehrte bis auf ihn einer selbständigen Kunstgeschichte und jeder bedeutenden künstlerischen Tradition. Erst mit dem Augenblick, wo der Sohn des scandinavischen Nordens in den Zusammenhang jener großen, von Winckelmann angeregten Gedankenbewegung eintrat, erst in Rom, das damals, wie später noch einmal, eine Colonie deutschen Culturlebens bildete, begann seine eigentliche künstlerische Entwickelung, erst hier wurde er zu dem, als den wir ihn kennen- Ohne Anmaßung darf deshalb die deutsche Kunstgeschichte seinen Namen in ihre Denkbücher verzeichnen.
Die moderne Plastik hat seit den Tagen Thorwaldsen's mannigfache Wandlungen durchlaufen, gegenwärtig ist sie von ganz unmittelbaren Einflüssen seiner Kunstweise nur in vereinzelten Fällen berührt, nur selten wird ein Künstler der Gegenwart Neigung haben, den Stil Thorwaldsens sich ganz unbedingt zum Muster zu machen. Rigoristische Vertreter der classischen Ueberlieferung müssen eine solche Gesinnung sür häretisch erklären, eine liberalere Kritik gesteht dem herrschenden Drang, die strengen Regeln der Sculptur zu lockern und freiere Formen zu gewinnen, seine Berechtigung zu. Aber auch sie, wenn ihr der künstlerische Maßstab nicht abhanden gekommen, muß erkennen, welche Gefahren die ungebundnere Bewegung einer kühnen und warm erregten Phantasie bedrohen, wie leicht diese die seine Linie überschreitet, welche das Künstlerische vom Unkünstlerischen trennt. Die Erinne-
Grcuzbotcii IV. 1870. 4g