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Meinung zurück, hinter dem, was man gerechterweise als Rückschlag eines solchen Krieges erwarten könnte. Wenig ist zu spüren von einem großen Zuge, der durch's Volk ginge, und der jetzt doppelt lebhaft sich zeigen müßte, wenn eine gründliche Umwandlung durch mächtige Eindrücke bewirkt wäre. Auf die erste Aufwallung ist vielfach wieder Mattherzigkeit gefolgt, und kleine mißmuthige Bedenken auf den Jubel, der nach Wörth und noch nach Sedan Alles fortreißend hervorbrach. Und doch ist hier zu Land die Freude an den Triumphen der deutschen Heere weniger als anderswo verkümmert durch die Trauer um zahlreiche Verluste. Jetzt vollends, wo die Wahlen das Interesse wieder den Angelegenheiten des eignen Landes zuwenden, scheint Alles in die ausgetretenen, kaum verlassenen Geleise zurückzukehren, und wenn die Wahlprogramme auch die deutsche Frage, den Abschluß des Versassungs- werks, selbstverständlich in den Vordergrund rücken, so fehlt doch viel, daß dies in der Masse der Bevölkerung wirklich durchschlüge. Wiederum erlebt man die wohlbekannten erbaulichen Scenen. Erst kommen alle möglichen anderen Rücksichten privaten und localen Charakters, dann erst die politischen und nationalen Interessen. Man pflegt bei dem Candidaten zunächst die Frage zu stellen, ob er in dem Bezirk ansässig oder gebürtig ist. ob er sonst welche Beziehungen hat, ob er ihm zu einer Eisenbahn zu verhelfen vermag. Dann aber gilt es die gewichtige Rivalität zu tilgen zwischen den einzelnen Städtchen und Theilen eines und desselben Wahlbezirks, denn der „Hintere Bezirk" hat meist viele andere Neigungen und Ideen als der „vordere Bezirk", und diese Fehden sind um solschwieriger beizulegen, als in der Regel alles unter sich ebenso verfeindet, als verwandt und vervettert ist. Selten, daß eine Candidatur allein durch das politische Programm eines bewährten Charakters entschieden wird.
Immerhin ist vorauszusehen, daß die Physiognomie der nächsten Kammer eine wesentlich andere sein wird, als die der aufgelösten. Vielfach haben sich die Abgeordneten der demokratischen Richtung mit ihren Unglücksprophezeiungen, die so handgreiflich widerlegt sind, die Gunst ihrer Wahlbezirke verscherzt, einige derselben sind auch, weil der Strich der Zeit einmal gegen sie ist, freiwillig von einer Candidatur zurückgetreten. Aber man besorgt, daß dies nicht in wünschenswerthem Maße den Candidaten der deutschen Partei zu gut kommen werde. Ihre Anzahl wird durch die Neuwahlen voraussichtlich verstärkt werden, aber schwerlich erheblich, und einige der bisherigen Abgeordneten dieser Partei sind sogar in Gefahr ihre Sitze zu verlieren. Dies allein zeigt, daß das Volk bei seinem angeblichen Umschlag sehr vorsichtig zu Werke geht. Es ist allerdings in seinen bisherigen Ansichten erschüttert, es ist unsicher geworden, und in dieser Lage wendet es sich zwar von der einen Seite ab. aber es sträubt sich auf die andere Seite zu treten: vielmehr